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Suse, die kleine Schwester des adressierten Jungen, wollte abnehmen. Das tat sie auch. Bis sie so dünn und zweidimensional wurde, dass sie in ein Heim für Scheibenmenschen gebracht werden musste. Dieses Detail aus der Titelgeschichte von Boris Kochs neuem Erzählband klingt nach einer heiteren Groteske. Allerdings wäre Boris Koch nicht er selbst, wenn dem Leser die Heiterkeit nicht im Hals stecken bliebe. Denn hinter all den absurden und scheinbar witzigen Einfällen dieser Geschichte stecken viele altbekannte und alltägliche Grausamkeiten. Sie ist in ihrer überraschenden Dichte und Kürze sicher die Krönung des Buches. Doch findet Boris Koch für jede seiner fünf Geschichten in "Der adressierte Junge" einen eigenen Ton. Mit der eher konventionellen Schauergeschichte "Todestag" steigt der Leser in die Lektüre ein und erfährt eine sichere Methode zur Erlangung der Unsterblichkeit ... Darauf folgt "Der adressierte Junge", der beim Rezensenten einen Begeisterungssturm auslöste, der von jeder nachfolgenden Geschichte neu angestachelt wurde: zunächst von "Poteideia", wo fiebrig und selbstquälerisch von einem einsamen griechischen Bahnhof erzählt wird, der auf keiner Karte existiert und der zum Ursprung rastloser Sehnsüchte wird. Dann: "Aus den Reisenotizen des Jonathan Mommsen", eine Miniatur, die ein wenig an Swift erinnert. Mehr augenzwinkernde Tiefgründigkeit und Groteske kann man auf zwei Seiten kaum unterbringen. Und wenn die Titelgeschichte die Krönung des Bandes ist, dann ist die abschließende, längste Geschichte das Herzstück: "Die Mutter der Tränen" verfolgt schonungslos und schmerzhaft einen Vater auf dem Weg in die Verzweiflung über den Verlust seines Kindes. Eine Geschichte, die gleichermaßen rührt wie weh tut und mehr zu bieten hat, als man an einem verregneten Novembertag verdauen kann. Tränen nicht ausgeschlossen. Mit seiner genauen und treffsicheren Sprache gelingt es Boris Koch immer wieder, den Leser zu erschrecken, ohne Monster und Blut aus der Effektekiste zu kramen. Wenn der Klappentext Boris Koch den "Meister der grotesken Phantasie" nennt, dann tut er das mit Recht. Dieser Band beweist es.

[Simon Weinert]


Boris Koch
Der adressierte Junge

Eloy Edictions, Augsburg, November 2005
ISBN 3-938411-01-5

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