......... ......... ....

Boris Koch: "Der adressierte Junge" . Erzählungen
Eloy Edictions, 2005, Reihe Amygdala
102 Seiten, Taschenbuch, 9,90. ISBN: 3-938411-01-5

Buchrezension von Thomas Hofmann
Erschienen in: Nocturno

Es herrscht wohl Gründerzeit in der phantastischen Verlagsszene, Eloy Edictions gehört zu einer kleinen Anzahl neuer, frischer Kleinverlage, die sich vornehmlich der phantastischen Literatur widmen. Das vorliegende Buch ist nach meinem Wissensstand erst ihr zweite Titel. Auf der Homepage des Verlages kann man allerdings nachlesen, was und wie viel die Mannen um ED noch vorhaben in den nächsten Jahren. Nun, da sollen erst einmal alle Daumen gedrückt werden, dass das auch so klappt!

Dieses Buch konnte auf alle Fälle den Rezensenten davon überzeugen, dass der Verlag was Gutes für den Leser bringt. Bitte so weiter machen!

Boris Koch ist kein Vielschreiber, aber was er schreibt, ist meist Gold. Hier sind fünf Texte versammelt, die sozusagen einen Querschnitt seines Schaffens dokumentieren – inhaltlich, als auch was ihren Umfang anbelangt. Gleich vorweg: Für den Koch-Komplettsammler könnte die Auswahl entweder eine große Überraschung oder eine Enttäusch sein, denn drei Stories sind nicht neu, aber zum Teil stark überarbeitet worden.

Das Highlight für den Rezensenten war der längste, abschließende Text: "Die Mutter der Tränen". Es mag sicher daran liegen, dass ich selbst einen kleinen Sohn habe, den ich über alles liebe, dass mich die Geschichte so angerührt hat. Ich konnte selber meine Tränen kaum stoppen.

Wir blenden hinein in ein sicherlich durchschnittliches Familienglück zweier Eltern und ihre beiden Kinder. Eines Tages kommt der Junge vom Spielen nicht heim. Das schlimmste annehmbare Unglück ist geschehen. Wir erleben die Eltern, unterstützt von den Nachbarn auf der Suche nach dem Jungen, wie sie ihn finden, was mit ihnen geschieht. Wen das nicht anrührt, dürfte aus Stein sein. Boris Koch beweist, dass er meisterhaft Emotionen einfangen und kanalisieren kann, ohne schwülstig zu werden; was er da schreibt, greift die Nerven an und geht in Mark und Bein.

Den Hinterbliebenen erscheint eine seltsame fremde Frau, altertümlich gekleidet. Will sie trösten, oder stachelt sie Trauer und Wut erst noch an, die in Wahnsinn enden müssen? Wer oder was ist sie?

Der Autor vermag es, diesem sehr ernsten und emotionalen Thema Schritt für Schritt einen phantastischen Anstrich zu verleihen, der die ihrem Todernst verpflichteten Geschichte mit einen metaphysischen, surrealen Charakter einhüllt und daraus mehr macht als "nur" einen besseren Krimi. – Klar, die Story geht nicht gut aus.

"Todestag" hat eine lange Publikationsgeschichte hinter sich. Auch wenn sie schon mehrmals erschienen ist, ist sie kaum wieder zu erkennen; an ihr hat der Autor sehr viel verändert. Interessant, dass gleich zu Beginn die angedeutete politische Dimension quasi abgeschwächt wurde: In der Version, wie der Leser sie in dem Magazin The Gothic Grimoire 1996 fand, war der Protagonist noch ein Kommunist, jetzt ist er ein SPD-Wähler, der sich auch schon mal aktiv gegen die Nazis stellte. Warum passierte das denn?

Ein Suchender in den Wirren der 20er und 30er Jahre des 20. Jahrhunderts flieht aus Deutschland nach England und nimmt dort Kontakt zu den okkulten, magischen, theosophischen Kreisen auf. Eine Idee, mit der er dort konfrontiert wird, wird zur Besessenheit: Wie kann man den eigenen Todestag herausbekommen und ihn überleben?

Auch hier überzeugt der Autor wieder durch seine Sprache und erzähltechnischen Kraft. Der Leser wird gefesselt und eingebunden, man kann einfach nicht anders, als ihm folgen, bis zum bitteren Ende. Ist es wirklich bitter? Ist die fixe Idee Ausdruck geistiger Umnachtung oder realisierbar?

Die Titelgeschichte ist wiederum ein neuer Text. Er gehört zu Boris’ eher skurrilen, grotesken Kurzgeschichten, bei denen ich mich immer frage, was er in seinen Tee schüttet vor dem Schreiben. Bei aller Skurrilität ist diese Geschichte aber auch hinreichend konkret bitter, böse und der reine Horror, inhaltlich sozusagen die Antithese zu "Die Mutter der Tränen", denn sie führt in eine völlig von Bösartigkeit und Hass zerrüttete Familie.

"Poteideia" ist wiederum nicht neu, aber auch stark überarbeitet. Formell eine Reiseerzählung thematisiert sie die Suche nach dem Unerreichbaren, Unbekannten, beschreibt unbestimmbare und zerreißende Sehnsucht nach … Irgendetwas. Der Text wirkt sehr persönlich, fast autobiografisch. Ob da was dran ist?

Warum nun "Aus den Reisenotizen des Jonathan Mommsen" hier noch einmal – soweit ich das überblicke auch so ziemlich unüberarbeitet – aus dem anderen Erzählungsband "Hirnstaub" von B. Koch abgedruckt wurde, kann ich nicht nachvollziehen. Vielleicht waren noch zwei Seiten frei und der Kleinsttext passte einfach noch mal rein. Erzählt wird eine Allegorie auf die Relativität von Freiheit. Hier zeigt Boris auf jeden Fall, wie er mit ganz wenigen Worten eine Idee prägnant und stimmig umzusetzen vermag und dass seine Wurzeln unter anderem auch bei Kafka liegen.

Insgesamt ein Kleinod der deutschen Phantastik. Ein Muss! Dieses kleine Buch sei unbedingt zur Lektüre empfohlen!

Thomas Hofmann


Zur Buchbestellung.