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Brian KeeneWenn es um das Genre Horror geht, dann verlässt man sich in den großen deutschen Verlagen seit einigen Jahren auf die großen Mainstream-Autoren oder Klassiker aus dem 19. und frühen 20. Jh. Düstere Phantastik, die publiziert wird, ist weitestgehend gefällig und massentauglich. Schockierende Grenzüberschreitungen von Moral und gesellschaftlichen Normen sind ebenso wie der zynische Biss nur noch oberflächlich und verhalten.
Dabei ist die Entwicklung des Horror-Genres im Rest der Welt nicht stehen geblieben. Eine neue Generation von Autoren hat Spielarten der düsteren Phantastik entwickelt, die sich zwischen Mainstream und Underground bewegen und frischen Wind in die Szene bringen.
Davon bekommt man allerdings nur etwas mit, wenn man der englischen Sprache mächtig genug ist, um die Originale zu lesen – oder aber zufällig einen der kleinen Verlage entdeckt, die es sich auf die Fahne geschrieben haben, genau diese Werke zu publizieren.
Eloy Edictions präsentiert in seiner Subreihe „Amygdala“ vor allem die Kurzgeschichtensammlungen und Romane junger Talente und Horrorliteraturpreisträger der letzten Jahre, die hierzulande völlig unbekannt sind. Brian Keene ist so ein Fall. Die Collection „Angst vor dem Sturz“ präsentiert neun Kurzgeschichten und eine Novelle.
Die Collection beginnt mit einer vor allem für d
ie Amerikaner alptraumhaften Geschichte: Laura kehrt einige Wochen nach dem 11. September 2001 in ihr New Yorker Apartment in unmittelbarer Nähe des World Trade Centers zurück. In der Wohnung liegt kein gewöhnlicher Staub. Er bringt sie ihrem Lebensgefährten Dallas nahe, der sich an jenem schicksalhaften Tag in den Twin Towers aufhielt.
„Babylons Sturz“ wird einer Gruppe von GIs zum Verhängnis, die in Ruinen unfreiwillig einem alten Geheimnis und Fluch auf die Spur kommen.
Ähnlich ergeht es abenteuerlustigen Vätern und Söhnen, die sich auf einem traditionellen Jagdausflug näher kommen wollen und Männergeschichten austauschen. Bald schon müssen sie feststellen, dass das Grauen um sie herum ist. „Rotes Holz“ hätte ihnen eine Warnung sein sollen.
Eigentlich war das Theaterstück „Der König in ‚Gelb’...“ nur der Geheimtipp eines Obdachlosen und Alkoholikers an ein Touristenehepaar. Was sich aber daraus entwickelt, ist ein Horrortrip.
Nicht anders sieht es bei den Überlebenden eines Schiffsunglücks aus, die „Gestrandet“ sind und feststellen müssen, dass ihre Insel nicht so unbewohnt ist, wie sie zunächst schien.
Dies sind nur einige der Geschichten die schließlich zu der Novelle „Der Garten, meine Tränen“ überleiten. Seit mehr als einem Jahr andauernder Regen hat die Erde überflutet. Nur noch wenige
Menschen kämpfen in kleinen Gruppen mehr oder weniger schlecht ums Überleben. Ihre Gefühle sind erstorben, auch der Erzähler ist nicht mehr fähig zu trauern. Bis zu dem Tag, an dem das Grauen aus der Tiefe ihm etwas sehr Kostbares nimmt, was er gerade erst wieder entdeckt hat...
Brian Keene beeindruckt vor allem durch seinen prägnanten und klaren Stil, den schon sein Vorwort „Über den Wolken“ besitzt, in dem er den Tenor seiner Geschichtensammlung heraus arbeitet.
Mit wenigen Worten gelingt es ihm, Charaktere, Hintergründe und Geschehnisse zu zeichnen und den Leser in seinen Bann zu schlagen. Die Protagonisten sind nachvollziehbar menschlich, wenn auch nicht immer sympathisch, und das Grauen wird von ihnen getragen, nicht unbedingt von plakativen Effekten.
Der Autor verwendet durchaus drastische Szenen, aber sie sind dramaturgisch geschickt eingesetzt und dienen nicht irgendwelcher Sensationsbefriedigung oder dem Selbstzweck.
Interessant ist auch die Vielfalt seiner Geschichten: Während einige Erzählungen wie „Rotes Holz“, „Babylons Sturz“ oder „Mein Garten, meine Tränen“ durchaus Ansätze für actionreiche Videospielszenarien bieten, ist vor allem „Staub“ eine atmosphärisch dichte, bedrückende und einfühlsame Geschichte, die einen mit einem Kloß im Hals zurück lässt. Sie wirkt, als sei es seine Methode gewesen, mit dem nationalen Schock fertig zu werden.
Auch in „Kein Ausweg“ führt Brian Keene den Leser zunächst mit ein wenig Splatter auf den Holzweg; das wirkliche Grauen schleicht sich dann eher verhalten ein.
„Angst vor dem Sturz“ beweist wieder einmal, dass das Horror Genre viel mehr Facetten hat, als sie Stephen King, Peter Straub oder die Klassiker bieten können. Horror muss nicht nur plakativ, drastisch und eklig sein, es gibt auch unendlich viele Grauzonen.
Brian Keene zeigt einige davon in seinen Kurzgeschichten. Er verwendet durchaus alte Motive und Szenarien, verknüpft sie aber mit modernen Ereignissen und bindet eine Menge menschlicher, vielleicht auch persönlicher Erfahrungen der letzten Zeit mit ein. Durch seinen klaren Stil lässt er dem Leser sehr viel Spielraum für eigene Gedanken und Gefühle.
Eloy Edictions hat mit der Collection einen guten Griff getan. Der Brian Keene beweist, dass Horror intelligent, vielschichtig und unterhaltsam zugleich sein kann, ohne Action vermissen zu lassen bzw. sich immer weiter verändert und modernen Strömungen anpasst. Es bleibt zu hoffen, dass „Angst vor dem Sturz“ auch einer größeren Leserschaft ins Auge fällt.
(CS)