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Eine Leseprobe aus der Phantastik-Anthologie
Creatures

"Willkommen in Seikersdorf"
von Andreas Gruber

(Exzerpt)


»nd hier werden diese 175.000 Gene untersucht?« Sabine deutete mit einer vagen Handbewegung über die Arbeitsplätze, von denen jeder einzelne wahrscheinlich mehr als ihr Opel Astra gekostet hatte. Wie vom Blitz getroffen, erstarrte sie in der Bewegung. Sie versuchte sich nichts anmerken zu lassen, doch konnte sie den Blick nicht von dem Flipchart nehmen, das zwischen zwei Monitoren auf einem Stativ hing und über und über mit chemischen Formeln bekritzelt war.
»Nun, untersucht ist vielleicht etwas zu simpel formuliert. Wir müssen diese kleinen Bausteine des Lebens erst einmal finden, definieren, und danach ihre Bedeutung erforschen. Aber wir stehen kurz davor, das menschliche Genom vollständig zu enträtseln.«
Dr. Gnodek verstummte und trat in den Schatten eines blechernen Maschinenturms, der wie eine überdimensionale Waschmaschine vor sich hinratterte.
»Das ist BIGGLES.«
»BIGGLES?«, echote Sabine. Sie riss sich von dem Anblick der Flipchart los, auf dem sie Michaels Handschrift zu erkennen geglaubt hatte.
»Unsere 400.000-Gigabyte-Rechenanlage, mhm!«, verkündete Dr. Gnodek stolz.
»Aha, und was kann man damit ... ich meine, wozu ...?«
»BIGGLES ist damit beschäftigt, die Kombinationen des menschlichen Genoms zu entschlüsseln.« Dr. Gnodek strich mit der flachen Hand über das Blechgehäuse des Monstrums, als wolle er es wie eine Geliebte liebkosen. Mit einem skeptischen Blick starrte Sabine zum Ende des Waschmaschinen-Turms, als ahne sie bereits, dass dieser Apparat mehr über den Menschen wusste, als der Mensch selbst.
»Na großartig!« Sie strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr und folgte dem Doktor, der zum Ende des Korridors lief, wo er sich umwandte. Durch eine Nische führte ein Treppenschacht in ein tieferes Kellergewölbe. Sabine blickte die Stufen hinunter und rümpfte die Nase. Von dort unten waberte der Geruch verbrannten Gummis und verschmorter Kabel empor. Insgeheim verfluchte sie sich, weil die Digitalkamera im Handschuhfach ihres Opels lag.
»So.« Dr. Gnodek rieb sich die Hände. »Hier sind wir am Ende der Führung angelangt. Ich begleite sie noch zurück zum Portier, damit Sie sich nicht verlaufen und ...«
»Was befindet sich dort unten?«, unterbrach sie ihn und deutete in den dunklen Schacht. Sie kramte ihren Lippenstift aus der Handtasche, um damit die feinen Konturen ihrer Lippen nachzuziehen.
»Ach dort.« Der Doktor zuckte wie beiläufig mit den Achseln. »Dort unten befinden sich nur die Kellerlabors. Da gibt es nichts Interessantes zu sehen.«
Sie nickte. Während sie den Lippenstift wieder wegsteckte, presste sie die Record-Taste des Diktiergeräts in ihrer Tasche. Die Tonbandspule begann zu ächzen. »Letzten Endes habe ich überhaupt nichts Interessantes erfahren ...« Sie ließ den Satz unausgesprochen.
Dr. Gnodek blickte sie mit großen Augen an. »Haben Sie nicht aufgepasst? Wir stehen kurz vor dem Durchbruch gentechnologischer Forschung! Nichts könnte dem gerecht werden. Nicht einmal die Verleihung des Nobelpreises.« Er verzog das Gesicht.
»Der Nobelpreis! Das klingt interessant.« Sabine schob Carls Lesebrille auf die Nasenspitze. Schmeichelt ihnen und lasst sie solange reden, bis sie sich irgendwann einmal verplappern, hatte ihnen Professor Steiner an der Uni immer wieder eingeschärft. Das ist es, was einen guten Journalisten ausmacht!
»Wenn sich uns die Doppelhelix der menschlichen DNS vollständig offenbart, wissen wir alles über den Menschen, über seine Intelligenz, sein Sozialverhalten, seinen Geisteszustand, seine Charaktereigenschaften, seine Widerstandskraft und Belastbarkeit, und sogar seine Lebenserwartung und seine Krankheiten – einfach alles.«
»Das ist doch unmöglich!« Sabine lachte auf und schüttelte den Kopf.
»Sie werden es sehen ... alles wird prognostizierbar.«
»Unglaublich!«
»Wir können in den Lauf der biologischen Evolution eingreifen und die zurzeit rund zweitausend existierenden Erbkrankheiten verhindern. Oder Asthma, Parkinson, Diabetes, Alzheimer, das Down-Syndrom oder die Hunderten Spielarten des Krebs – einfach weg!« Er schnippte mit den Fingern.
»Aber die Medizin?«
»Ach was, die Medizin! Pah!« Dr. Gnodek wischte mit einer wegwerfenden Handbewegung durch die Luft. »Die Pharmaindustrie muss keine neuen Medikamente mehr auf den Markt bringen, da es keine Krankheiten mehr geben wird. Können Sie sich das vorstellen?«
»Fantastisch!«
»Das menschliche Immunsystem kann derart gestärkt und manipuliert werden, dass es erstaunliche Erfolge in der Krebsbekämpfung, bei Hepatitis, Tumor- und Bluterkrankungen geben wird.«
Dr. Gnodek verstummte. »Warum lachen Sie eigentlich?« »Es ist nur so ... so unvorstellbar!«, antwortete Sabine und umklammerte ihre Handtasche.
»Machen Sie hier eigentlich auch Experimente mit geklonten oder genetisch manipulierten Labortieren?«, flüsterte sie.
»Aber wo denken Sie hin, Frau Fitz? Wir sind schließlich Wissenschaftler und keine Monster«, murmelte er, knabberte wieder am Fingernagel und roch am nassen Daumen.
Wo ist da der Unterschied? Sabine zuckte zusammen, als um sie herum Dutzende Alarmsirenen aufheulten. Im blinkenden roten Licht verwandelte sich Dr. Gnodeks Gesicht zu einer erschrockenen Grimasse, deren leichenblasser Teint immer wieder vom blutroten Schein der Lampen erhellt wurde. Hastig entschuldigte sich der Mann und lief zu dem Telefonanschluss an der gegenüberliegenden Wand. Dumpfe Schreie aus dem Kellergewölbe schreckten Sabine auf. Sie trat einen Schritt zurück, um sich hinter einem surrenden Blechkasten zu verbergen, der BIGGLES kleiner Bruder hätte sein können. Plötzlich herrschten Hektik und Bewegung in den Labors: mehrere Menschen rannten, hetzten oder stolperten vom Keller die Treppe hinauf, an ihr vorbei, den Korridor entlang zum Ausgang. Im roten Licht der Deckenlampen sahen ihre Laborkittel wie das Treibgut eines Hurrikans aus, der an ihr vorüber wirbelte.
»Was ist denn jetzt schon wieder geschehen?«, bellte Dr. Gnodek in den Hörer. »Um Himmels Willen, nein! Öffnen sie sofort die Sicherheitstür am Ende des Gangs!«, kreischte er, während er mit der freien Hand sein ergrautes Haar zerwühlte. »In dieser Etage befinden sich mehr als dreißig Menschen. Wir müssen die gesamte Ebene evakuieren! Nein, nicht jetzt! Geben sie uns noch fünf Minuten, bevor Sie das Team hinunterschicken!«



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