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Walter Diociaiuti:
Eine Horrornovelle
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räum weiter …
Er träumte. Genau das tat er. Einige Minuten, nachdem er sich aufs Bett gelegt hatte, war er auf der Decke fest eingeschlafen. Sein Notizbuch und der Kugelschreiber lagen auf seinem Bauch. Gegen 16.00 Uhr, während seine Waffenbrüder Karten spielten, hatte er einen Albtraum. Es war ein kurzer, unheimlicher Traum.
Didier und er saßen zusammen in dem alten unbenutzten Wachturm. Zwischen ihnen lag Dumas Leiche.
»Er ist so dick wie eine trächtige Sau«, sagte Didier grinsend. »Ich wette mit dir, er hat eine Tüte dabei. Er braucht sie doch nicht mehr.« Diesen Worten folgte ein Hohngelächter. Dann nahm er aus Dumas Tarnjacke eine Tüte Marihuana heraus. »Siehst du? Was hatte ich dir gesagt?«. Während Didier sie gierig öffnete, streckte die Leiche plötzlich ihren Arm nach oben und riss Didier die Tüte aus der Hand. Der Arm des toten und doch noch anscheinend lebendigen Obersten war nicht dicker als ein Knochen, seine Hand dürr wie die eines Skelettes. Dumas stand auf. Über seinen breiten Schultern schwankte jetzt ein riesiger deformierter Kopf, unter dessen Oberfläche pechschwarze, lebhafte Adern strömten. Sein Gesicht, wenn man dieses so nennen durfte, war mit finsteren, monströsen Egeln bedeckt, die pulsierten und zuckten, als wären sie miasmatische Metastasen, die versuchten, ihre Gestalt zu vergrößern und damit den Tod in sich hinein zu saugen. Wo seine Augen sitzen sollten, befand sich ein höllischer, schwarzer Halbmond, in dem sich regenbogenfarbige Tentakel schlängelten, die plötzlich wie Sprungfedern aus diesem rudimentären Mund heraussprangen und sich um die Hälse der beiden Soldaten wanden.
Dominique wurde abrupt aus dem Schlaf gerissen. Er versuchte zu schreien, aber der Schreck raubte ihm die Stimme. Sein Herz raste. Er schnappte nach Luft, blieb reglos liegen und wartete, dass sich sein Herzrhythmus wieder normalisierte. Das seltsame Gefühl, dass dies nicht bloß ein Traum gewesen war, sondern dass er soeben eine Art prophetischer Vision erlebt hatte, packte ihn wie ein tollwütiger Hund. Er konnte kaum atmen. Gott behüte, wandte sein Denken mit einem hilflosen Erschauern des Ekels ein.
Er erinnerte sich an die Drogengeschichte mit Dumas und Lacombe als Protagonisten, zu der er am Vormittag während des Gespräches mit Didier mit seinen Gedanken zurückgekehrt war.
Alles klar … es war keine prophetische Vision. Bei diesem Gedanken verblasste der Traum, und mit ihm schwand auch langsam dieses seltsame Gefühl. Seine Herzschläge wurden wieder gleichmäßig.
Es war kein Wunder, dass auch Didier eine Rolle in solch einem Traum spielte: Er war ein starker Kiffer. Dominique machte sich viele Sorgen um seinen Freund. Didier ist eine sehr labile Person …
Er stand auf und schleppte sich in die Duschkabine.
Ich glaube nicht daran, dass Didiers schlechte Laune nur an seiner Kifferei liegt, obwohl ich davor Angst habe, dass es noch schlimmer mit ihm wird und er bald ins Fixermilieu abdriftet. Dass er solchen Stimmungsschwankungen unterliegt, könnte ein weiterer Faktor sein, der ihn dahin bringt. Du lieber Gott …
***
Gegen 22.00 Uhr begann der erste Patrouillendienst für Didier und Dominique. Der Obergefreite Borel öffnete das schwere Eisentor, und sie betraten das Fabrikgelände.
»Dieses verdammte Gewehr wird immer schwerer, es quält mich seit elf Monaten«, sagte Didier, während sie sich dem ersten Kontrollpunkt näherten.
»Quält uns, meinst du wohl. Ich werde ebenfalls in zwanzig Tagen aus dieser Scheiße raus sein, vergiss das nicht! Denk an den armen Oberleutnant Busacq: Er ist Berufssoldat, und deswegen wird er nie ein freier Mann sein.«
»Ich bin nicht der einzige, der hier Dinge vergisst, oder vielleicht weißt du nicht, was er geplant hat. Er hat seinen Vertrag mit dem Militär nicht erneuert. Er wird zwei Tage nach uns ausscheiden. Erzähl nicht ständig so viel Müll! Die letzten zwei Tage hast du nichts anderes getan! Hör endlich mal auf damit! Es wird immer schwerer, dich zu ertragen, Dominique!«
Dominique schüttelte langsam den Kopf, ohne zu reagieren. Er fühlte sich gänzlich mutlos. Diese Freundschaft war ihm wichtiger als sein eigener Hochmut, denn so ein Raufbold, wie er es nun mal war, hatte seine Aggressivität unterdrücken können. Das passierte ihm sehr selten.
Sie liefen weiter durch die Schatten der Nacht, an den alten und düsteren Fabrikgebäuden vorbei, deren Gitterfenster sie wie Gefängnisse wirken ließen. Der rötliche Mond stand bereits hoch und voll am finsterblauen Himmel, in dem nur einige düstergraue Wolken schwammen. Einige blasse Sterne funkelten dazwischen, und doch konnten sie und der harte Schein des Mondes die plumpen Gebäude kaum erhellen.
Ich hätte nicht so auf dem Thema beharren sollen. Ich hab’s letzte Nacht übertrieben: Didier ist einer der empfindlichsten Menschen, die ich kenne, ausgenommen vielleicht meine Tante Annette, dachte Dominique, während er dem Wachposten des Wachturmes Nummer 2 zuwinkte. Dominique war sich irgendwie sicher, dass sein Freund noch immer wütend auf ihn war.
Es ist schon seltsam: Seit wir hier sind, habe ich ihn noch keinen einzigen Joint rauchen sehen. Könnte sein Verhalten der Spiegel einer Art von Entzugskrise sein?
Die beiden absolvierten ihre Patrouille ohne Probleme. Es schien wie ein einfacher Spaziergang. Sie sprachen nicht viel miteinander. Didier, in seinen eigenen Gedanken verloren, mied jegliche Diskussion und alle persönlichen Themen. Dominique hütete sich seinerseits, eine solche Mimose mit seinen Gesprächen zu irritieren. Er zwang sich selbst zum Schweigen.
Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.
Ihr einziger treuer Gefährte, wie sich herausstellte, war eine köstliche Flasche Cointreau, die sie sich teilten, um das eisige Schweigen zu kompensieren. Als die Flasche leer war, am Ende ihres Dienstes, schien selbst das schwere Fal-Gewehr leichter geworden zu sein.
Sobald Dominique die Wachstube betrat, schloss er sich der ausgelassenen Runde seiner Kameraden an, die mit Schaum vor dem Mund den akrobatischen, pornographischen Meisterleistungen von unbekannten deutschen Schauspielern zusahen, die ihre Rollen mit vollem Einsatz spielten. Natürlich nahm Dominique an der intelligenten Unterhaltung teil, die gespickt mit vulgären Bemerkungen war.
Die Gesellschaft des niedergeschlagenen und mürrischen Didier hatte ihn seine gewöhnlich gute Stimmung gekostet, aber ein paar Pornofilme auf dem Bildschirm reichten, um seine Welt wieder in Ordnung zu bringen.
Er ging überhaupt nicht zu Bett. Drei Kulturfilme in Folge, alle aus dem gleichen Genre, hielten ihn wie festgewachsen vor dem Fernseher; es war beinahe unmöglich, ihn von seinem Platz in der ersten Reihe weg zu bewegen. Und Clements Versuche, ihn zu einem Pokerspiel zu überreden, blieben ebenfalls ohne Erfolg. Keine Chance. Diese sexuellen Höchstleistungen fesselten seine Aufmerksamkeit geradezu magnetisch.
Es war ein lauter Ruf von Didier, der ihn schließlich von dem alten, dreckigen, vergammelten Sofa hochbewegte, das an der Wand im Fernsehraum der Wachstube stand. Es musste dort schon seit unendlicher Zeit stehen, bedeckt mit jeglicher Art von Flecken: Fett, Bier, Wein und Sperma im Überfluss.
Während seiner ersten Wachpflichtperiode im Arsenal hatte Dominique dieses Sofa wirklich verabscheut, hatte es sogar vermieden, darauf zu sitzen. Aber er war rasch abgehärtet.
»Kommst du jetzt oder muss ich allein gehen?«, brüllte Didier.
»Ich komme, ich komme! Du scheinst es gar nicht erwarten zu können, diesen verdammten Dienst anzutreten. Was ist los mit dir?«
Didier antwortete nicht. Er verließ den Peep-show-Raum und steuerte direkt auf das Eisentor zu. Er öffnete es, ohne auf den Obergefreiten – den einzigen, der dazu das Recht hatte – und seinen Patrouillenkollegen Dominique zu warten und betrat die heiße Zone.
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