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T.M. Wright:
Das kalte Haus

Eine Leseprobe



»ch glaube nicht an Geister«, sagte Michaels Mutter. »Ich behaupte ja gar nicht, dass es sie nicht gibt, ich meine ja bloß, dass ich nicht an sie glaube.«
»Ja«, sagte Michael, »ich weiß.«
»Dann solltest du ja auch wissen«, sagte seine Mutter weiter, »dass, wenn du deinem Vater erzählst, was du mir gerade erzählt hast, er überhaupt kein Verständnis dafür zeigen wird. Das weißt du doch, oder?«
Michael erwiderte nichts.
»Du hast eine so ausgeprägte Phantasie«, sagte sie. »Es ist ja deutlich in deinen Gedichten und Zeichnungen zu erkennen. Nur wenige Menschen sind mit einer derartigen Vorstellungskraft wie deiner gesegnet.« Sie hielt kurz inne und redete dann weiter. »Michael, in dir steckt ein kleiner Junge.«
»Hä?«, sagte er.
»Du verstehst mich jetzt vielleicht nicht, aber eines Tages wirst du es. Dieser kleine Junge ist der Junge, der du nie sein durftest. Er lebt in dir weiter. Er wird immer in dir sein, hoffe ich zumindest. Du darfst ihn nie aufgeben, denn in gewisser Weise ist er dein Retter.« Sie seufzte. »Und wenn du ihn doch aufgibst, dann ist es so als gäbst du dich selbst, deine Seele, auf.« Sie legte ihm die Hand auf die Schulter. »Verstehst du, was ich dir sagen möchte?«
Er wusste nicht was er ihr antworten sollte, ganz bestimmt nicht. Das sagte er ihr.
»Mama, ich hab' das nicht einfach alles so aus der Luft gegriffen. Hab' ich wirklich nicht. Es ist wirklich passiert.«
»Ich behaupte ja gar nicht, dass du nicht glaubst, dass es passiert ist, Michael«, seufzte sie wieder. »Gut, dann gehen wir eben zusammen zu dem Haus zurück.«
»Hä?«
»Wenn ich dieses... Ding mit meinen eigenen Augen sehe, dann glaube ich dir. Ist das fair?«
»Ich will das nicht.«
»Dann reden wir aber auch nicht mehr darüber. Besonders nicht gegenüber deinem Vater.«
Michael überlegte einen Augenblick, sagte dann, »Na gut, wir gehen hin, zum Haus.«
»Gut.«
»Morgen, wenn die Sonne scheint.«

[...]

Simon ist tot. Das sollte nicht passieren. Es war so nicht vorhergesagt. Er war unsterblich, sterbend und unsterblich. Jede Nacht habe ich ihn gestreichelt. Das beruhigte mich und ich habe es seit Jahren getan. Aber heute Morgen, als ich aufwachte, fand ich ihn auf dem Kissen neben meinem Kopf, auf das er gekrabbelt war um zu sterben. Welch' Loyalität. Wer hätte das von einer Katze erwartet und auch noch von einer sterbenden Katze?
Nur weiß ich jetzt nicht, was ich mit ihm anstellen soll. Ich muss ihn wohl begraben, aber wo könnte ich das tun? Keine Ahnung, wie die Satzungen der Stadt lauten. In Manhatten wird niemand begraben. Man muss nach Brooklyn oder in die Bronx gehen um einen Grabplatz zu bekommen. Aber diese Stadt ist nicht einer dieser Orte. Dies hier ist die dunkle Stadt und die Menschen, die in ihr leben, verhalten sich seltsamer als in Freiheit lebende Wetterfrösche. Wenn ich mit einem Spaten unter dem Arm irgendwo hingehe und in der Erde herum stochere, dann werden Leute kommen und Fragen stellen: »Was machen Sie da? Was ist in der Tasche? Wollen Sie etwas vergraben?« Vielleicht gibt es aber auch Leute, die durch die Stadt gehen und einem Bußgelder für das gesetzeswidrige Verscharren von Kadavern aufbrummen. In einer Stadt wie dieser nur eine logische Schlussfolgerung.
Ich kann es mir nicht leisten Bußgeld zu entrichten. Ich habe kein Geld. Aber ich kann Simon auch nicht einfach in der Wohnung dem Verwesungsprozess überlassen.
Ich hatte ihn so gern. Er schnurrte und trat nach Milch, wenn ich ihn auf dem Schoß hielt und miaute dabei sanft. Er war ein wunderbarer Gefährte und ich hatte niemals wirklich daran geglaubt, dass er sterben würde.

***

Wer ist dieses Kind, das von einem Zimmer zum nächsten huscht, während ich mich gerade weggedreht habe? Und wie kann ich ihm folgen? Es ist so flink und dabei so lautlos. Es anzusprechen hilft auch nichts. Es will gesehen werden. Glaube ich zumindest. Und doch will es nicht ertappt oder befragt werden. Das Kind spielt ein wenig, aber wer kennt schon dieses Spiel? Auf jeden Fall ist es nicht Verstecken. Es zu suchen ist nicht Teil des Spiels, sondern nur, sich seiner Gegenwart ab und zu bewusst zu sein, während es von einem Raum in den nächsten verschwindet. Ich kann es nur aus den Augenwinkeln wahrnehmen, aber das reicht aus, um sicher zu sein, dass es sich bei dem Kind um einen Ihn handelt, den ich suche. Seine Bewegungen sind maskulin, obwohl ich mir nicht ganz darüber klar bin, was das zu bedeuten hat, nur, dass sie eben Geradlinigkeit und Zielstrebigkeit aufweisen. Auch habe ich den Eindruck, als lächele er, während er sich bewegt, sein Haar scheint hellbraun zu sein, oder blond und ist kurz gehalten.
Manchmal, während ich aufwache, kommt er in mein Schlafzimmer. Ich wache langsam auf. Meine Träume verlasse ich nur widerwillig und einige Male habe ich ihn in der Nähe der Tür oder am Fenster gesehen. Sein Gesicht kann ich dann aber nicht erkennen. Durch die Schleier meines Traums kann ich einen Anflug seiner Gesichtszüge ausmachen, zumindest glaube ich das. Es ist ein sorgenvolles Gesicht, klagend und unglücklich. Es ist Michaels Gesicht, könnte es sein, wenn Michael wieder jung wäre.
Es tut gut, den Jungen in meinem Haus zu wissen. Er ist nicht Michael, aber sein Spiel weckt die Neugierde in mir und ich fühle mich nicht durch ihn bedroht. Er ist verspielt wie ein Welpe. Jederzeit glaube ich ihn lachen zu hören, ich würde es gutheißen. Auch das kleine Mädchen, das schon immer in mir war, fände es schön.
Ich liebte Michael und er liebte mich, doch frage ich mich, lieben wir uns immer noch, obwohl einer von uns beiden tot ist?

***

Elizabeth,
wir sind so lebendig wie zwei Meere, wenn wir im Bett liegen - streicheln, liebkosen, knabbern und spüren die Orte auf, die wir nicht entdecken dürfen, um sie dann aufzusuchen. Wir tasten uns an die Grenzen heran, um Vertrauen zu finden, weil wir uns nach Nähe sehnen, die echt ist, nicht die klinische Nähe eines Therapeuten, nicht die kultivierter Leute.

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