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Eine Leseprobe aus
Angst vor dem Sturz
Erzählungen von BRIAN KEENE

"Gestrandet"
(Exzerpt)


ecka wusste, dass sie ertrinken würde. Keuchend schnappte sie nach Luft, ehe die nächste Welle sie unter Wasser drückte. Über sich erkannte sie die Füße der anderen Gestrandeten. Sie schwamm darauf zu. Ihr Kopf durchbrach die Oberfläche.
Eine Fernsehkamera äugte sie an.
Einfach ignorieren. Sie existiert gar nicht.
Teilnahmslos blickten die Männer im Boot auf sie hinab.
"Ob die uns wohl mitnehmen könnten?"
Neben ihr trat Jerry Wasser. Feine Wassertröpfchen liefen von seinem rasierten Kopf und der ebenfalls rasierten Brust hinab.
"Du kennst die Regeln", japste sie. "Jeder, der versucht, mit der Crew Kontakt aufzunehmen, wird sofort disqualifiziert."
"War doch nur ein Scherz! Du bist Becka, stimmt's?"
Sie versuchte, so wenig Wasser wie möglich zu schlucken, als eine weitere Welle auf sie niederschlug.
"Genau", spie sie hervor. "Tut mir Leid. Aber ich mag das feuchte Element nicht gerade."
Verdammt! Jetzt kennt er meinen Schwachpunkt und kann ihn gegen mich einsetzen.
"Das hier?" Sie trieben weiter vom Schiff weg. "Das ist doch gar nichts. Häng dich einfach an mich ran, und ich verspreche dir, dass wir beide sicher am Strand ankommen werden."
Das Kameraboot preschte vor und richtete die Linsen jetzt auf Shonette und Marcy.
Becka zögerte.
"Hey, die Million wird dir nicht gerade viel nützen, wenn du schon ertrunken bist, bevor du überhaupt die Insel erreicht hast!"
Jerry streckte einen Arm nach ihr aus. Sie zögerte, ergriff ihn aber schließlich doch. Seine Muskeln waren hart, seine Haut feucht. Mit sicher wirkenden Zügen trieb er durchs Wasser.
Vor ihnen spuckte Troy einen Fluch aus, nachdem eine Welle seine zerbeulte grüne Kappe mit sich genommen hatte. Mit um sich schlagenden Armen machte er sich an die Verfolgung. Die Kappe trieb zu Marcy hinüber. Sie fischte sie aus dem Wasser und wedelte damit über ihrem Kopf. Lachend schwamm sie davon.
"Hey!", schrie Jerry. "Du spielst da gerade mit deinem beschissenen Leben, Schätzchen!"
"Die hat ganz offensichtlich kein Problem, über Wasser zu bleiben. Was sie wohl für die beiden Dinger bezahlt hat?"
Der Kamera entging nichts. Becka bemerkte, dass der Kameramann sich nun Marcys Brüsten zugewandt hatte.
"Ha", gluckste Jerry. "Halb Amerika könnte das jetzt gehört haben. Vergiss das nicht."
Beckas eigene - echte - Brüste drückten sich fest gegen Jerrys Oberkörper. Die Brustwarzen waren hart. Ob es am Wasser oder an der ganzen Aufregung lag, konnte sie nicht sagen. Wahrscheinlich von beidem ein bisschen.
Jerry errötete, ehe er wieder zu grinsen anfing.
Über ihren Köpfen rauschte der Helikopter vorbei, der die Luftaufnahmen schoss und gleichzeitig Roland zur Insel hinüberbrachte.
Die Insel. Sie ragte direkt vor ihnen auf; eine Mischung aus vorgelagertem Vulkanstein, jeder Menge Hügeln und natürlich reichlich Dschungel.
"Erinnert ein wenig an Jurassic Park", bemerkte Becka.
"Ja, stimmt. Bloß gibt es auf dieser Insel keine Raptoren, vor denen man aufpassen muss", ertönte eine Stimme hinter ihr.
Überrascht drehten sich Becka und Jerry um. Antoine hatte sich ihnen fast lautlos genähert. "Was meinst du damit?"
"Ich meine damit, dass wir genug Zeit damit verbringen werden, auf uns gegenseitig aufzupassen", entgegnete er nickend. "Diesmal sind wir die Dinosaurier. Und es kann jeden treffen."
"Du warst bei den Marines, nicht wahr?" fragte Becka.
"Stimmt. Vierundzwanzigste Marineeinheit."
"Vielleicht sollten wir uns zusammentun", schlug Jerry vor. "Yo, was sagst du dazu?"
"Yo? Ich heiße Antoine. Hältst du mich etwa für einen Verbrecher oder so was, bloß weil ich schwarz bin? Wo kommst du eigentlich her?"
"L.A.", stammelte Jerry. "Mir gehört ein Videoladen."
"L.A.", wiederholte Antoine grüblerisch. "Ich stamme aus North Carolina, was uns demnach nicht gerade zu Nachbarn macht."
Er zog an ihnen vorbei. Sein Körper zerschnitt das Wasser wie ein Messer.
"Er scheint nett zu sein", bemerkte Jerry.
Troy schäumte mittlerweile vor Wut. Shonette und Heather hatten sich dem Versteckspielchen mit seiner Kappe angeschlossen, während Larry unterdessen ans Ufer stapfte.
Einer nach dem anderen erreichte schließlich den Strand und streckte sich der Länge nach im Sand aus. Jeder von ihnen versuchte, die umherhuschenden Kameras zu ignorieren, die jedes gesprochene Wort auf Film bannten. Heather und Marcy räkelten sich genüsslich in der Hitze. Schamlos schielte Larry zu den beiden hinüber. Shonette dehnte ihre Muskeln. Antoine hielt sich etwas abseits von ihnen auf. Auf einem nahe gelegenen Felsen hatte Troy Platz genommen. Zuckend gab er einen wütend klingenden Monolog von sich.
"Was ist denn los?" wollte Becka wissen.
"Ich brauch' `ne gottverdammte Zigarette!" schnaubte Troy in seinem breiten New Yorker Akzent. "Seit dreißig Tagen hab ich jetzt keine Kippe mehr angefasst!"
"Warum hast du dich nicht dafür bei der Wahl deines Luxusartikels entschieden?" fragte ihn Jerry.
"Ich hatte die Wahl zwischen meiner Kappe und den Zigaretten. Und ohne meine Kappe gehe ich nirgendwo hin."
"Du kommst aus New York, richtig?"
"Nein. Bodega Bay, Kalifornien. Aber ich bin in New York aufgewachsen. Brackard's Point genauer gesagt. Am Arsch der Welt. Hab meine erste Frau dort zurückgelassen und bin nach Florida gefahren. Danach hab ich dort meine zweite Frau zurückgelassen und bin weiter nach Seattle, wo ich die nächste Schlampe zurückgelassen habe und schließlich in Bodega Bay gelandet bin. Seitdem war ich nirgendwo anders. Und die ganze Zeit hatte ich meine Kappe dabei."
"Hey", rief Heather. "Da kommt Roland!"
Roland Thompson stieg aus dem Helikopter. Er trug ein Safarioutfit. Gelassen schlenderte er durch den Sand und direkt auf sie zu.
"Zimperliches Arschloch", murmelte Troy; wieder am ganzen Körper zuckend.
"Hallo miteinander", begrüßte Thompson die Gruppe mit seiner tiefen Baritonstimme. "Und herzlich willkommen in eurem neuen Zuhause, wo ihr gemeinsam mit den anderen Gestrandeten gegeneinander antreten werdet. Der Letzte von euch, der diese Insel verlässt, kehrt mit einer Million Dollar zurück in die Zivilisation."
Bis auf Troy, der mürrisch zu Boden blickte, fingen alle zu klatschen an.
"Ich möchte jedem von euch meine tief empfundenen Glückwünsche aussprechen. Für unseren siebten "Gestrandet!"-Wettbewerb haben wir mehr als zehntausend Bewerbungen erhalten, von denen ihr Acht schließlich als Teilnehmer ausgesucht wurdet. Zwar habt ihr euch schon auf dem Schiff miteinander bekannt gemacht, doch wenn ihr euch noch mal unserem Publikum vorstellen und etwas über euch erzählen würdet?"
Die Kamera stürzte sich auf Becka.
"Mein Name ist Becka", begann sie lächelnd. "Ich studiere grafisches Design in Pennsylvania, am York College."
"Ich bin Jerry und ich leite einen Videoladen in Los Angeles, Kalifornien."
"Hast du vorhin nicht gesagt, dass dir ein Videoladen gehört?", mischte sich Antoine ein.
"Tja." Jerrys Ohren erröteten sich. "Eigentlich gehört der Laden meinem Onkel, aber da er die meiste Zeit nicht da ist, bin im Grunde ich dafür verantwortlich."
"Also hast du gelogen."
Jerry schwieg. Antoines Blicke galten jetzt der Kamera.
"Mein Name ist Antoine. Ich stamme aus North Carolina. Und mir gehört eine private Security-Firma."
"Ich bin Heather und eine Hausfrau aus Lansing, Michigan."
"Ich bin Marcy. Ich stamme aus New York City und arbeite als Sicherheitsanalytiker für eine Entwicklungsgesellschaft."
"Und ich hab nicht den blassesten Schimmer, wovon du da gerade gesprochen hast." Die Kamera drehte sich zu Troy hinüber. "Egal. Jedenfalls heiße ich Troy und verdiene mir als Kfz-Mechaniker mein Geld. Und außerdem hätt' ich jetzt liebend gerne eine verfickte Zigarette."
"Ich seh' schon - bei dir werden wohl einige Pieptöne nötig sein", bemerkte Roland. Die anderen fingen zu lachen an.
"Ich komme aus Atlanta, Georgia. Mein Name ist Shonette und von Beruf bin ich Telemarketerin."
Die anderen stöhnten auf.
"Also bist du die Frau, die uns jedes Mal beim Essen stört", neckte Heather sie.
"Auf jeden Fall isses besser als Autos reparieren zu müssen", spottete Troy.
Die Kamera wandte sich dem nächsten Teilnehmer zu. "Ich heiße Larry. Und ich lebe in Washington, D.C. Ich bin Lobbyist für die größte Versicherungsgesellschaft des Landes und außerdem werde ich als Letzter von dieser Insel gehen."
"Ein Lobbyist?" prustete Troy. "Himmel, das ist ja noch schlimmer als ein verfluchter Telemarketer."
"Und du", bemerkte Larry aufbrausend, "wirst der Erste sein, der von hier wieder verschwindet, kleiner Mechaniker."
"Nicht, wenn wir dich vorher braten und auffressen, Yuppie-Schwein."
"Also wenn das kein guter Anfang war!" unterbrach Roland die beiden Streithähne. "Zwar seid ihr alle mit den Regeln der Show vertraut, aber dennoch möchte ich auf ein paar davon im Einzelnen eingehen. Versuchter Direktkontakt mit der Kameracrew bedeutet die sofortige Disqualifikation. Ihr könnt mit jedem anderen sprechen - mich eingeschlossen -, aber haltet euch bitte von der Crew fern, außer sie wenden sich gezielt an euch. Selbst wenn ihr schlaft, wird mindestens einer von ihnen wach sein und alles filmen. Nach ihrer Schicht werden die Jungs mit dem Helikopter zurück zum Schiff gebracht - und falls ihr abgewählt wurdet, könnt ihr ihnen dorthin folgen.
An jedem Tag erhaltet ihr eine neue Aufgabe. Sie kann eure Kräfte oder euren Verstand beanspruchen, aber eines steht fest - von Mal zu Mal wird sie härter sein. Ich schlage deshalb auch vor, dass ihr am Anfang zusammenarbeitet. Nach dem eintägigen Aufenthalt unserer Spähergruppe haben wir erfahren, dass Nahrung und Wasser in genügenden Mengen auf dieser Insel vorhanden sind. Jetzt liegt es nur an euch, sie auch zu finden."
Er machte eine kurze Pause.
"Als kleine historische Notiz, möchte ich euch außerdem darauf aufmerksam machen, dass ihr die ersten Menschen seid, die seit mehr als hundert Jahren diese Insel betreten haben."
"Wieso das denn?" wollte Larry wissen.
"Laut den Überlieferungen des karibischen Volkes ist diese Insel verflucht. Die Eingeborenen haben dieses Eiland stets gemieden, weil die Höhlen hier, laut Legende, die Eingänge zur Hölle sind. Sie waren davon überzeugt, dass es hier von Dämonen nur so wimmeln würde. Außerdem sei hier während des zweiten Weltkrieges ein japanisches Geschwader spurlos verschwunden. Zahlreiche Dokumentationen haben schon von diesem Fall berichtet, vom Schicksal der Marcelle ganz zu schweigen; einem Schiff, das hier Neunzehnhundertfünf vor Anker gelegen hatte. Nach gerade Mal einer Nacht floh die Mannschaft von hier und schwor, niemals wieder zurückzukehren."
"Die waren ja auch nicht hinter einer Million Dollar her", bemerkte Marcy trocken.
Roland besprach noch ein paar weitere Regeln, ehe er sich wieder auf den Rückweg zum Schiff machte. Zurück blieben sechs Kamera- und Soundtechniker.
Becka bemerkte Antoines düstere Blicke gen Dschungel.
"Was ist los? Stimmt was nicht?"
"Es ist so still. Keine Vögel. Gar nichts."
"Vielleicht hat der Helikopter sie verscheucht."
"Vielleicht", bemerkte Antoine nickend. "Oder dieser Ort ist wirklich verflucht."
Er lächelte.

Übersetzung: TORSTEN SCHEIB

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