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Simon Clark:
Die Lichter der Koboldstadt


Aus dem Englischen von Martin Weber



as ist der Moment, in dem der Bildschirm schwarz wird.
Ich lächle Benjay zu, der dasitzt und mit seinem knabenhaften Asiatengesicht ein Bild reifer Nachdenklichkeit bietet. »Und ausblenden, laute Musik setzt ein. Der Standard-Cliffhanger – oder handelt es sich um den Köder am Beginn einer Episode, noch immer bekannt als Teaser?«
»Geduld, Jack«, antwortet er. Aber er lächelt nicht. Er hat das schon mal gesehen (viele Male, schätze ich) und er weiß, was als nächstes kommt. Am Bildschirm erscheint eine aus einem einzigen Wort bestehende Frage: Fortsetzen? Mit der Hand, die die Zigarre hält, drückt er Enter auf der Tastatur.
»Der Download wird eine Minute dauern.«
Eine gute Schätzung. Sechzig Sekunden später kehrt das Bild auf den Schirm zurück. Der Mann und die Frau liegen immer noch im Gras, sind immer noch nackt. Grabsteine, die aus dieser Kameraperspektive zwergenhaft wirken, umgeben sie.
»Was hältst du davon, Jack?«, fragt Benjay und zeigt mit seiner Zigarre auf den Schirm, so als wolle er vermeiden, seinen Finger zu nahe an die Gestalten zu bringen, die sich im Gras winden.
»Sie wurden angegriffen«, sage ich zu ihm. Mein Blut gefriert; das alles ist kein bisschen nach meinem Geschmack. Ganz besonders nicht das schluchzende Geräusch, das aus den Boxen dringt.
»Angegriffen? Ja und Nein.« Benjay schluckt, als würde ihm etwas, was er gegessen hat, sauer aufstoßen. »Schau weiter hin.«
Ich beuge mich nun vor, meine Hand ruht auf dem Monitor, und konzentriere mich auf die beiden Gestalten. Langsam schlängeln sie sich auf ihren Bäuchen über den Rasen. Ihre bloßen Füße sind mit grünen Grasfl ecken überzogen; sie stöhnen, als würden ihre Körper vom Scheitel bis zur Sohle schmerzen. Ich halte nach Anzeichen von Gewalt auf ihren Leibern Ausschau. Es gibt keine. Ich versuche, die gestöhnten Wörter zu verstehen. Sie ergeben keinen Sinn. »Was sagen sie?«, frage ich.
»Psst. Schau weiter zu. Schau, was als Nächstes passiert.«
Menschlichen Schnecken gleich kriechen sie zu einer fl ach am Boden liegenden Grabplatte. Ungefähr noch ein Meter und sie werden den Kamerabereich verlassen. Schon jetzt sind die Arme des Mannes nicht mehr im Bild. Das Schluchzen kommt leise und unglaublich herzerweichend aus den Lautsprechern … Absturz in die Schwärze.
Fortsetzen?
Erneut ist der Clip zu Ende und wieder ist die Eingabeaufforderung zu sehen. Benjay drückt Enter. Die Disk summt im Computer, während der nächste Clip herunterlädt.
Ich stehe da, bereit, weitere sechzig Sekunden zu warten, aber der Monitor erwacht so plötzlich zum Leben, dass es schockiert und aufrüttelt. Nun zeigt der Film die beiden in Nahaufnahme, und zwar aus derselben Vogel- Perspektive. Sie lachen und bumsen mit einer ekstatischen Begeisterung, die an Irrsinn grenzt. Der Fokus stimmt nicht ganz, die Aufnahmen sind verschwommen, die Figuren fl immern und auch mit der Belichtung stimmt was nicht. Aber es sind dieselben Personen. Diesmal fi cken sie auf einem Grabstein. Sie sind dabei ungestüm genug, um die Knochen in der Erde unter ihnen durchzuschütteln.
Jetzt klingen die Stimmen guttural, ich vernehme Wörter, die fremdländisch klingen. Ein Name? Eine Bitte um Gnade? Orgiastisches Freudengestammel? Weiß Gott. Sie kennen doch die Redewendung »bis die Fetzen fliegen«? Nun, genau das läuft hier ab.
»Und sie leben glücklich und zufrieden bis ans Ende ihrer Tage«, sage ich.
»Siehst du es nicht?« Benjay zeigt auf die zwei, die sich lachend und mit einer Leidenschaft küssen, die in Wildheit umschlägt.
Ja, ich höre sie lachen … und sie lachen, wie es Liebende tun … kichernd, atemlos. Aber ich erkenne, dass sie sich überhaupt nicht küssen. Sie beißen Fetzen – blutige Fetzen – aus ihren Gesichtern.

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