enommen richtete er sich auf, schaute sich erneut nach einem jener verfluchten Schatten um, die ihn verfolgten. Er brauchte nur einen kurzen Moment, um zu begreifen, dass der Schatten diesmal nicht verschwand, als er sich ihm zuwandte. Sein Herz schlug so laut und schnell, dass er meinte, es würde ihm jederzeit aus der Brust springen, und mit einem verzweifelten Wimmern wandte Chiron sich ab und versuchte, die steile Böschung wieder hinauf zu kriechen. Er hatte kaum ein paar unbeholfene Schritte getan, als die grausame Melodie des schlagenden Herzens ihn einholte und jeden weiteren Gedanken an Flucht zunichte machte.
Resignierend ließ sich Chiron auf die Knie sinken und erwartete, dass die ungnädige Dunkelheit ihn wieder umgab, um den Rest seines Lebens in sich aufzusaugen. Jeden Moment rechnete er damit, dass die grausame Symphonie wieder von ihm Besitz ergriffe, um das tödliche
Werk von letzter Nacht zu vollenden. Die Angst vor dem Tod, die Chiron schon im Tempel überfallen hatte, ergriff auch hier von ihm Besitz. Er wollte nicht sterben. Er durfte einfach nicht sterben. Nicht so, nicht hier und nicht jetzt. Diesmal allerdings konnte er sich dem Tod nicht entziehen, es lag nicht in seiner Hand. Er schloss die Augen und wartete – doch nichts geschah.
Er spürte die überirdische Präsenz dieses Wesens in seinem Rücken, hörte das Herz schlagen und spürte die Kälte, die von ihm ausging.
Unsicher stand er wieder auf, sich völlig darüber im klaren, dass ein weiterer Fluchtversuch erfolglos bleiben würde. Das alleine hätte ihn wahrscheinlich nicht von dem Versuch abgehalten. Aber die überirdische
Präsenz übte wie schon das letzte Mal eine seltsame Anziehung aus, der sich Chiron nicht entziehen konnte. Sich seinem Schicksal ergebend begann er langsam sich umzudrehen. Die Dunkelheit schien sich gelichtet zu haben und machte einem schwachen Glimmen Platz, das von dem Wesen auszugehen schien und im Rhythmus des Herzschlags
leicht pulsierte. Aus dem Augenwinkel sah er eine Haarsträhne, lang, weiß und samtig schimmernd.
Er drehte sich ein Stückchen weiter und bemerkte die perfekte, elfenbeinerne Haut des Wesens.
Chiron gab sich einen Ruck und als er sich völlig umdrehte, ließ er seinen Blick über den bloßen, vollkommenen, weiblichen Körper schweifen und blieb an den dunklen Augen hängen, die so tief und so unergründlich waren wie ein Gebirgssee.
Lilith.
Übermannt von seinen widersprüchlichen Gefühlen sank Chiron zurück auf die Knie. Alle Qualen, die er in den letzten Tagen erfahren
hatte, ballten sich in seiner Brust zu einem schmerzhaften Kloß zusammen und trieb im ihm Tränen in die Augen, die langsam seine Wangen hinabflossen.
»Nein … nein, das … das ist nicht wahr, das kann nicht wahr sein.« Fast versagte Chiron die Stimme. Lilith reagierte kaum, sah ihn nur fragend und unendlich traurig an.
»Du hättest mich fast getötet!« Dieser Satz, geplant als ein wütender Schrei, kam nur als schüchterner Hauch über Chirons Lippen. Lilith legte ihren Kopf schief und lächelte verlegen, schritt auf Chiron zu und küsste ihm sanft eine Träne fort, die sich an seinen Lippen festgesetzt hatte und nun salzig ihre Zunge umspülte.
»Ich musste sicher gehen, dass du es wirklich bist.« Ihre Stimme war sanft und unschuldig. Chiron senkte seinen Kopf, wartete einen Moment und schaute Lilith dann wieder in die Augen. Er hielt ihrem Blick nur mit Mühe stand.
»Warum?« Ein leichter Trotz, über den Chiron selbst erschrak, lag in seiner Stimme, doch wenn Lilith ihn bemerkte, so ging sie nicht darauf ein.
»Du bist meine letzte Hoffnung Chiron – meine letzte Hoffnung, mich von meinem Schicksal, meinem Fluch zu erlösen, der mich an diese Erde, an diesen unseligen Ort hier bindet!«
Diese Worte verwirrten Chiron. Ein Fluch?, dachte er. Dann haben wir recht gehabt. Lilith hat ihren Platz am Himmel nicht freiwillig verlassen,
hat ihre Jünger nicht einfach im Stich gelassen. Welche Macht aber kann so schrecklich sein, eine Göttin zu bannen, und wie sollte diese Macht besiegt werden? Und das von einem einfachen Menschen? Ich, Chiron, die letzte Hoffnung für eine Göttin?
»Ein Fluch? Wie ist das möglich? Wer hat dich verflucht?«
Liliths Züge trübten sich, als sie den so verhassten Namen ausspie. »Mantus, es war Mantus, Urahn des Grafen Priapos!«
Nun nahm ihre Stimme wieder einen beschwichtigenden, fast flehenden Tonfall an. »Bitte Chiron, du bist meine letzte Hoffnung! Rette mich!«
Graf Priapos? Chiron erinnerte sich an sein Versagen, mit den anderen Jüngern in den Tod zu gehen und daran, was für ein schwacher Mensch er war.
»Wie soll ich das anstellen, ich bin nur …«
Lilith unterbrach Chiron, schaute sich ängstlich um. »Der Tag bricht herein, ich hab keine Zeit mehr, ich muss gehen … Das hier kostet mich schon mehr Kraft als ich …!«
Zärtlich umarmte Lilith Chiron, ohne den Satz beendet zu haben, wandte sich ab und lief, nun wieder ihren Mantel aus Finsternis anlegend,
davon.
Chiron blieb zurück, ratlos und dem Tode nah. Lange Stunden noch saß er an der Stelle, an der er verlassen worden war, ohne einen klaren Gedanken fassen zu können.
Was glaubt Lilith wer ich bin? Hat sie in mir einen ihrer Jünger erkannt? Vielleicht an meinem Mondsilberamulett? Instinktiv tastet er nach dem Kleinod, dass an einer Kette um seinen Hals hing. Aber wieso glaubt sie, ich könne sie retten? Ausgerechnet ich, Chiron der Versager.
as blasse Licht des Morgens durchflutete den Wald und ließ Chiron
aus einer Art Trance erwachen, in der er offenbar jegliches Zeitgefühl verloren hatte.
Daran, dass dies kein erneuter Fiebertraum gewesen war, bestand für ihn kaum ein Zweifel, und er war sich auch sicher, Lilith selbst sei tatsächlich in dem Tempel gewesen und hätte ihm die Flucht befohlen. Das beruhigte sein Gewissen ein wenig.
Er hatte das Gefühl, das Fieber wäre etwas gesunken und die Wunde würde nicht mehr so sehr schmerzen. Vielmehr schienen sein Arm und seine Schulter taub zu werden. Nicht unbedingt ein gutes Zeichen.
en ganzen Tag ging Chiron langsam, aber stetig weiter, gönnte sich nur ab und an eine kleine Pause und trank einmal etwas Wasser aus einer Quelle. Danach kroch er in eine winzigen Wurzelhöhle,
die er oder der Zufall für ihn gefunden hatte. Neben den Schmerzen und dem Fieber, das ihn mal heiß mal kalt schüttelte, quälten ihn nagender Hunger und der wieder aufkeimende Durst und die Fragen, die die Begegnung mit seiner Göttin in ihm aufgeworfen hatte.
Bevor er sich in der Höhle niederlegte, kratzte er etwas Moos von den Wänden, kaute es sorgfältig und würgte es hinunter. Der Geschmack war widerlich bitter, aber wenigstens war das Moos feucht und nicht giftig, zumindest hoffte Chiron das.
Am nächsten Tag würde er nach fiebersenkenden Kräutern Ausschau
halten. Nun aber fühlte er sich zu schwach und versuchte auf dem feuchten Boden der Höhle etwas Ruhe zu finden. Immer wenn es ihm gelang, nach langer Zeit des sich Hin- und Herwälzens und Gedankenschiebens in einen leichten Schlaf zu gleiten, so war dieser von wirren, unangenehmen Träumen durchwirkt, in denen ihn seine toten Glaubensbrüder besuchten und ihn auslachten, weil er allen Ernstes glaubte, mit Lilith gesprochen zu haben. Jedes Mal erwachte er mit einem ängstlich unterdrückten Schrei, schweißgebadet und kränker und fiebernder noch als zuvor. Die aufkeimenden Selbstzweifel
versuchte er zu unterdrücken. Die Hoffnung, Lilith würde erneut erscheinen, um sich zu erklären, wurde jedoch nicht erfüllt.
Der Tag brach herein und Chiron, der es nicht wagte, länger liegen zu bleiben als nötig, raffte sich auf und kroch ins Freie.
Der weiße undurchdringliche Dunst, der knöcheltief den Boden des Waldes bedeckte, gleichsam einer weichen Wolldecke, aber so kalt wie Eis, wurde nur langsam von der Sonne vertrieben. Überhaupt wagte sie es nur hier und da, ihre Strahlen durch das dichte Laubwerk der gigantischen Bäume fallen zu lassen.
Chiron reckte und streckte sich vorsichtig, aber kein wirkliches Leben wollte in seine Glieder strömen und seine Wunde schickte eine Welle neuen Schmerzes durch seinen Körper. Langsam und vorsichtig versuchte
er aufzustehen, nicht ohne dabei vor Schwindel und Schwäche mehrere Male auf den Boden zurückzusinken. Wenn er nicht bald heilkundige Hilfe bekam, würde er wohl sterben, noch ehe er eine Stadt erreichte oder sogar bevor er den Wald verließ.
Als Chiron endlich aufrecht stand, konnte er sich kaum auf den Beinen halten. Viel Mühe kostete es ihn und er war mehr als wackelig, aber er stand. Der erste kleine Schritt, den er wagte, raubte ihm beinahe den Verstand, so schmerzhaft war er. Ein tiefes Stechen durchzuckte seine Knochen und das angestachelte Fieber begann erbarmungslos seinen Geist zu umnebeln. Sein Verstand reichte gerade noch so weit, ihn eine gewaltige Angst spüren zu lassen. Angst, hier zu sterben, ohne auch nur versucht zu haben, seine göttliche Aufgabe, Lilith zu retten, erfüllt zu haben, wie auch immer er das anstellen sollte. Alleine diese Angst war es, die ihn Schritt für Schritt vorantrieb.
Seine Gedanken kreisten um die Worte seiner Göttin und nun mischten sich erstmals leichte Zweifel mit hinein. Habe ich sie wirklich
getroffen oder war es mein Fieber, das mir Streiche spielte? Ich kann es mir nicht erlauben, nicht alles für ihre Rettung zu tun, ich habe es geschworen und sie schien davon überzeugt, dass es in meiner Macht steht. Warum aber hat sie ausgerechnet mich erwählt? Nur weil ich zufällig auf sie getroffen bin? Oder bin ich der letzte Jünger, sind alle anderen Tempel ausgeräuchert worden? Was für eine schreckliche Vorstellung.
Je trüber die verwirrten Gedanken Chirons wurden, desto lichter wurde der Wald. Schließlich öffnete er sich in ein weitläufiges Tal, in dessen Mitte ein kleines Schloss von Äckern und vereinzelten Gehöften umgeben wurde.
Der Anblick flößte ihm Angst ein. Stecken nicht alle Adligen unter einer Decke? Entschlossen ging er über die Felder bis er eine Straße erreichte, die ihn mit Sicherheit zu einem der Bauernhöfe führen würde, wo man ihm, so hoffte er, helfen konnte.
Chirons Kopf dröhnte und der Schmerz wurde immer schlimmer.
Außerdem schlug das Wetter um. Dicke Wolken schoben sich über den Himmel und kündigten ein Unwetter an. Chiron nahm den Wechsel kaum wahr, blickte er doch durch den Schleier eines beängstigend hohen Fiebers nur verschwommen in die Wirklichkeit
und kümmerte sich auch nicht darum, dass sich die Wolken am grauen Himmel immer höher auftürmten und sich zunehmend schwarz färbten. Innerhalb weniger Sekunden verwandelte sich ein leichter Nieselregen in einen heftigen Platzregen. Ein gewaltiges Donnergrollen rollte über den Himmel, dann zerrissen Blitze die Wolken wie die Vorhänge eines infernalischen Theaters. Der Boden unter Chirons bloßen Füßen weichte auf und jeder Schritt wurde noch quälender und kostete noch mehr Kraft und Willensanstrengung als der davor. Immer wieder versank er bis über die Knöchel im Schlamm und konnte seine Beine nur mühsam wieder befreien. Es dauerte nicht lange bis die letzten Kraftreserven dem kranken Körper entwichen waren und Chiron sich mitten auf der Straße rücklings in den tiefen Schlamm legte, unfähig, sich auch nur ein Stückchen weiter zu bewegen.
Lange Zeit lag er hilflos auf der Straße und glitt langsam in jenen Zustand der Dämmerung über, der weder einem Wachzustand gleichkam noch der völligen Entrücktheit von dieser Erde, sei es durch Schlaf oder durch den Tod. Seine Gebete an Lilith, sein Flehen um Hilfe wurde immer leiser, immer schwächer. Bevor jedoch die Ohnmacht endgültig von ihm Besitz ergriff, hallte der Trommelwirbel von mächtigen Hufen an seine Ohren.
Eine gewaltige schwarze Kutsche, gezogen von drei nachtschwarzen Hengsten, raste mit halsbrecherischer Geschwindigkeit auf ihn zu. Unwirklich war der Anblick, wie das Gespann die Mauer des dichten Regens durchstieß. Gicht und Schlamm spritzten auf und das Wasser schien zu kochen und zu verdampfen, wo die Hengste mit ihren Hufen den Boden berührten.
Chiron lächelte bei diesem Anblick, er hatte Angst, und dennoch lächelte er. Die Gardisten des Grafen haben es nicht geschafft, mich zu töten, meine Freunde haben das nicht geschafft, ich habe es selbst nicht geschafft … Wieso kommt dann ausgerechnet jetzt der Tod in seiner schwarzen Kutsche? Nur um mich zu holen? Chiron, den Unsterblichen?
Als er den Kutscher erblickte, verschwand sein Lächeln. Ein kleiner Junge, der Tod kam in Gestalt eines kleinen Jungen. Wie absurd. Chiron begann zu lachen, er wurde verrückt, und er genoss es. Es war schön, über das gesamte Grauen der Welt endlich lachen zu können. So grausam schön, so grausam. Lilith – so werde ich sie nicht retten können. Mit der Erinnerung an seine Göttin kehrte ein Fünkchen Überlebenswille zurück.
Mit einem lauten Schrei stellte sich der Kutscher auf der Pritsche auf und legte sich mit vollem Körpergewicht in die Zügel, so dass seine Pferde dicht vor Chiron zum Stehen kamen. Sofort sprang er ab und stürzte sich auf den geschundenen Körper, griff nach seinem Hals, um festzustellen, ob der Verwundete, der da auf der Straße lag, nicht schon tot war.
In diesem Moment zog sich Chirons Geist endlich in die dunkle Geborgenheit der Ohnmacht zurück.
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