s war eine Art Hochplateau, auf dem sie mit zitternden Knien stand. Der Abgrund schien es fast wie eine Insel einzuschließen.
Womöglich täusche sie sich auch, sie konnte das nicht mit letzter Gewissheit behaupten; noch immer fühlte sie sich schwach und ausgelaugt. Vor allem aber war sie sich darüber im Klaren, sie gehörte nicht hierher. Alles hätte sie getan, um schnellstmöglich wieder von hier wegzukommen; sie ertappte sich sogar dabei, wie sie sich in den Arm zwickte, nur um aufzuwachen. Vergebens!
Auch wie groß diese Ebene war, konnte sie kaum erahnen. Sie vermochte lediglich zu erkennen, am Horizont befanden sich die verschwommenen Konturen einer Gebirgskette. Mehrere Tagesreisen entfernt, mindestens. Vielleicht auch mehr Distanz, als sie zu Fuß in einem einzigen Leben zurücklegen konnte.
Nirgends entdeckte sie Wasser, alles hier war ausgedörrt und trocken. Vegetation war kaum erkennbar. Nur hier und da bizarre Gebilde aus einem grotesken Alptraum, die ihre blauen, mit Stacheln bewehrten Tentakeln durstig gen Himmel reckten oder in den Sand gebohrt hatten. Es schienen Kakteen zu sein oder wenigstens Gewächse, die mit Kakteen verwandt waren. Eine Handvoll verkrüppelte, blattlose Bäume - falls es wirklich Bäume waren - sah sie ebenfalls. Sie schienen nur darauf zu warten, dass man sie endlich fällte, um daraus Brennholz zu machen. Doch es schien hier niemanden zu geben, der Brennholz benötigte, und die Ausbeute wäre auch zu gering gewesen, als dass man sich ohne vorhandene Not diese Mühe gemacht hätte.
Nicht das geringste Tier war zu sehen oder zu hören, ganz zu schweigen von intelligenten Geschöpfen. Überall nur Steine und Sand, über die ein mörderischer Wind wehte.
Die Böen zerrten an Tita, wollten sie mit sich tragen, und oft genug hatte sie das Gefühl, sie müsse nur die Arme ausbreiten, um wie ein Vogel aufzusteigen und wohin auch immer getragen zu werden. Ständig verfing sich der Wind in ihrem schulterlangen, brünetten Haar, riss daran und schleuderte es ihr dann wieder direkt ins Gesicht.
Über der Szenerie herrschte ein düsteres, rötliches Zwielicht.
Eine Tristesse, die das Mädchen ein wenig an den Mars erinnerte, wie sie ihn von den Aufnahmen der Robotersonden kannte. Doch wohin auch immer es sie verschlagen hatte, es war nicht der Rote Planet, definitiv nicht. Am Himmel stand keine Sonne, nicht einmal eine sehr weit entfernte.
Woher die schwache Helligkeit kam, sodass sie immerhin etwas sehen konnte, auch das erschloss sich Tita nicht. Sie wusste nur eines sicher: Dies war eine ihr absolut unbekannte Welt. Lichtjahreweit von der ihren entfernt oder auch tief verborgen in ihr selbst - es machte keinen Unterschied.
Eine Welt der Verdammnis. Freiwillig lebte niemand hier, auch in Tita schrie jeder Funke frenetisch danach, von hier zu verschwinden, nur hatte sie nicht die geringste Möglichkeit dazu. Noch nicht. Sie hoffte, das würde sich bald ändern. Immerhin, sie träumte! Eigentlich war sie gar nicht hier, sondern schlief in ihrem Mansardenzimmer unter einem jungmädchenhaften Baldachin.
Und doch - obwohl es sich nur um einen Traum zu handeln schien, war es mehr als das. War es in eben diesem Moment für Tita die pure, ungeschönte Realität. Und womöglich würde sie niemals wieder daraus erwachen.
Der Himmel hüllte sich in ein dunkles, elegantes Rot. Blaugraue Schlieren befanden sich darauf, fast wie Wolken, doch waren es keine. Ein Rot, als habe sich der Leibhaftige höchstselbst mit seinem teuflischen Dreizack die Pulsadern aufgeschlitzt. Keineswegs grundlos und auch nicht, weil er beabsichtigte, sich das Leben zu nehmen und die Menschheit endlich mit seinen permanenten Versuchungen zu verschonen: Sein Blut barg einen dämonischen Funken, der vom Himmel regnete und sich kontinuierlich wie eine unersättliche Bestie in das Herz eines jeden Betrachters fraß und es für sich einnahm. Um es mit dem Bösen zu infizieren und es zu verderben. Den falschen Schritt auf die falsche Seite des schmalen Grats bemerkte man immer erst, wenn es zu spät war. Und es fiel leicht, unvorstellbar leicht. Man begriff erst viel zu spät, dass man gegen sämtliche Werte und Vorstellungen verstieß, die man zeit seines Lebens enthusiastisch hochgehalten halte.
Der Leibhaftige hatte es so an sich, dass er es den Menschen leicht machte. Es war immer bequemer, seinem Weg zu folgen als einem anderen.
Dieses Rot schien von überall zu kommen. Es nahm von allem Besitz und färbte die gesamte Umgebung ein. Keinerlei Schatten, den Tita warf, nicht den geringsten, nur dieses diffuse Rot.
Je länger sie sich umsah, desto weniger hätte es sie überrascht, wäre plötzlich tatsächlich Satan vom Himmel gestiegen. Alles sah aus, als sei sie geradewegs in den Vorhof zur Hölle geschleudert worden. Nur die Flammen fehlten.
Seufzend begann sich Tita in Bewegung zu setzen. Auf die Richtung, die sie einschlug, kam es nicht an; es erschien ihr gleich, wohin ihre Füße sie tragen mochten, noch ahnte sie, wonach sie eigentlich Ausschau hielt. Vielleicht nach Menschen, vielleicht nach einer Ansiedlung oder auch nur nach einer Oase, wenngleich sie vermutete, in dieser lebensfeindlichen Umgebung gab es weder Oasen, noch ernstzunehmende Vegetation und erst recht keine sprudelnden Quellen, die potentiellen Bewohnern Leben schenkten und sie in ihre Nähe zogen.
Trotzdem wusste sie intuitiv, sie konnte hier nicht bleiben. Sie durfte es nicht! Dieser sinistre Ort barg tausend Geheimnisse, die erkundet werden wollten. Die erkundet werden mussten, falls sie einen Weg nach Hause finden wollte. Es wäre Tita wie Verschwendung vorgekommen, am Abgrund zu verweilen und worauf auch immer tatenlos abzuwarten.
Bei jedem ihrer bedächtigen Schritte sank sie ein wenig in den Sand ein. Jener verfluchte Sand hatte sich derweil auf ihrem ganzen Körper festgesetzt, brannte fürchterlich in den Augen und drohte gelegentlich, ihr die Nase und die Ohren zu verstopfen. Sie versuchte es zu ignorieren, es war zu ertragen.
Von den heulenden Sturmwinden abgesehen, gab es hier keinerlei Geräusche. Und auch keine Gerüche. Es war eine tote, eine ausgestorbene Welt, auf der Tita gestrandet war. Nur der Himmel verbreitete immerzu sein phlegmatisches Blutrot.
"Hallo!"
Abrupt fuhr sie zusammen, als sie die Stimme hörte.
Eine männliche Stimme. Vor allem aber nicht nur ein lebendiges Wesen in dieser verwaisten Welt, sondern offenbar auch eines, das ihre Sprache sprach.
Abermals erschallte ein "Hallo!", und jetzt meinte Tita auch lokalisieren zu können, woher die Stimme kam: aus der Richtung eines riesigen, kubusförmigen Felsbrockens mit teilweise vom Sand abgeschliffenen Kanten, wohl keine zweihundert Meter von ihr entfernt. Der Stein war groß wie ein Mehrfamilienhaus, wirkte mit seiner Imposanz und seinen Spitzen und Maserungen in dieser surrealen Umgebung allerdings deplaziert. Er passte einfach ebenso wenig hierher wie Tita selbst.
"Hallo! Ist da jemand?"
"Ja!", antwortete sie spontan und verfluchte sich gleich darauf selbst für ihre Voreiligkeit. Sie wusste nicht, wer zu ihr sprach und sie dort drüben erwartete, nicht einmal, ob es tatsächlich ein Wer oder ein Was war. Auch über dessen Absichten konnte sie bestenfalls spekulieren, womöglich tappte sie geradewegs in eine Falle.
Trotzdem siegte ihre Neugier, als sie sich auf die Stimme zu bewegte. Um keinen Preis hätte sie es mit sich selbst vereinbaren können, einen Bogen um den Findling zu machen, im Gegenteil, vielleicht fand sie durch den anonymen Rufer mehr über diese Welt heraus, war er der erste Schlüssel, die mannigfaltigen Rätsel zu lüften und einen Weg nach Hause zu finden.
"Endlich kommt jemand", hörte Tita den anderen stöhnen, und sie meinte gebremste Freude aus seiner Stimme zu hören, obwohl sie ein wenig weinerlich klang.
Immer noch konnte sie niemanden erkennen. Er musste sich auf der ihr abgewandten Seite befinden, was ebenfalls nicht unbedingt dazu beitrug, sich behaglich zu fühlen.
Keine Ahnung hatte sie, was er im Schilde führte oder von ihr wollte. Weshalb kam er ihr nicht entgegen? Konnte er nicht? Oder wollte er nicht, weil er sie in dem Augenblick, in dem sie um die Ecke kam, überfiel, sie zu Boden zwang und Dinge mit ihr tat, die sie sich besser nicht allzu plastisch vorstellte.
Eher unbewusst sah sie zu Boden, hielt Ausschau nach irgendetwas, das sich als Waffe verwenden ließ. Sie entdeckte nichts, außer bestenfalls Steine, die in allen erdenklichen Größen und Formen überall herumlagen und nicht unbedingt dem entsprachen, was sie sich unter 'Waffe' vorstellte.
Also dann ohne! Es musste auch so gehen. Wahrscheinlich machte sie sich ohnehin nur unnötige Sorgen und sie sah lediglich Gespenster wo keine waren.
Das Buch Der Autor Bestellen