an kaufte ihr ein Buch, ein gebundenes, Die Tartarenwüste von Buzzati. Und er freute sich selbst wie ein Kind auf diesen Tag. Sie hatten vereinbart, ihn in Susannes Wohnung zu verbringen, ganz allein, nur einander genug, doch sie wollte wenigstens Anrufe entgegennehmen können. Vielleicht würde es an diesem Tag zum Äußersten kommen. Jan nahm es sich vor.
Er hatte feuchte Träume bis dahin.
Endlich war es soweit. Samstag, der 10. November. Vier Tage vor seinem eigenen Geburtstag. Er stand mit dem verpackten Buch vor der Haustür und klingelte.
Für einen Augenblick durchfuhr ihn die Furcht, sie könne nicht da sein, nie mehr da sein, nicht für ihn, für gar niemanden mehr, nur ein Traumbild, das sich an der rauen Luft der Wirklichkeit aufgelöst hatte. Warum dauerte es so lange, bis sie öffnete?
Es brummte elektrisch; die Haustür war entriegelt. Jan drückte sich gegen sie und hastete die Stufen hoch. Sie stand in der Tür. Bezaubernd wie immer. Wie immer trug sie Weiß. Eine weiße Bluse mit Rüschen und Spitze, einen weißen Rock; Jan sah, dass er recht hoch geschlitzt war; die weiße Haut ihrer Beine spielte hindurch. Jan fühlte sich, als halte er eine Stromleitung in der Hand. Heute war es soweit, dessen war er sich sicher. Er schluckte. Er hatte noch nie...
Er küsste sie lange in der Tür, nahm ihren Kopf zwischen die Hände und streichelte ihr Haar. Sie zog ihn herein: »Die Nachbarn müssen ja nicht alles sehen.« Er gab ihr das Buch, sie wickelte es vorsichtig aus und schien sich wirklich sehr zu freuen.
Susanne bat ihn ins Wohnzimmer, wo an einem kleinen Esstisch vor dem blumenüberwucherten Fenster festlich gedeckt war. Der Mittag war nicht mehr weit entfernt.
Es war ein phantastischer Tag; das Mittagessen war vorzüglich, danach hörten sie leise Musik, schmusten auf der Couch, doch Jan, dessen Körper sich anfühlte, als krabbelten tausend Ameisen auf und in ihm herum, getraute sich nicht, die Initiative zu ergreifen. Er spürte, wie Susannes Küsse fordernder wurden, wie ihr biegsamer Körper sich stärker an seinen anschmiegte. Er schwitzte.
Sie machten sich voneinander los, als das Telefon klingelte; es stand in der Diele. Jan ließ sie ungern gehen; er fühlte sich, als habe sich etwas aus seiner Seele losgerissen.
Es war der erste Gratulant, eine ihrer Freundinnen. »Diejenige, mit der ich damals im Kino war, als ich dich zum ersten Mal gesehen habe, erinnerst du dich?«
Und ob er sich erinnerte! Wie sollte er diese erste Begegnung je vergessen können? Auch ihrer Freundin konnte er sich schwach entsinnen. Er hatte den Eindruck der Schwärze - oder war dieser hervorgerufen durch die Dame in Schwarz, die er kurz zuvor bemerkt hatte? Die Dame in Schwarz - erst jetzt kam sie ihm wieder in den Sinn. Er schüttelte sie aus seinem Kopf und ging auf Susanne zu; sie stand im Türrahmen wie in einem Bild der Präraffaeliten, er umarmte und küsste sie. Sie kicherte leise und drückte sich an ihn. Er legte eine Hand ganz, ganz vorsichtig auf ihren Po, nahm sie sofort wieder weg.
Erneut: das Telefon! Susanne machte sich los. Der nächste Freund. Jan setzte sich wieder in das Wohnzimmer. Endlich kam Susanne zurück. Die Stimmung von vorhin war zunächst gebrochen. Sie stand wieder auf, holte etwas zu trinken, einen trockenen, leichten Weißwein, und sie prosteten sich zu. Dann rückten sie näher zusammen. Jan legte den Arm um sie, Präliminarien, doch sie blieb nun steif. Er küsste sie auf die Wange, dann auf den Mund. Und langsam fing Susanne wieder Feuer. Als sei ein Gerüst in ihr zusammengefallen, löste sich ihre Steifheit in Wollen auf. Ihre Zunge erforschte seinen Mund, und ihre Hände tasteten sich in Jans Nacken so weit hinein, wie es sein Hemd zuließ. Ihre Finger brannten auf seiner Haut. Und auch er wurde fordernder, nahm die Hand von ihrer Schulter und schmeichelte sie zu ihrem Busen. Jetzt stieß sie ihn nicht mehr fort. Er spürte, wie die Brustwarze sich keck aufrichtete. Sie trug keinen Büstenhalter! Ihre pralle Brust lag schwer in seiner Hand. Jan nestelte an den oberen Knöpfen ihrer Bluse.
Es konnte nur ein Dämon sein! Ein rasselnder Dämon. Der Dämon des Telefons. Jan wollte Susanne nicht gehen lassen, doch mit sanftem, aber entschiedenem Druck machte sie sich von ihm los. Er hörte, wie sie mit etwas atemloser Stimme ihren Dank für die Glückwünsche desjenigen Trottels bekundete, der sie beide gestört hatte. Als sie zurückkam, sah Jan, dass sie die oberen Knöpfe wieder verschlossen hatte. Ihr Gesicht war rot. Diese Röte stand ihr wunderbar. Als sei sie sich bewusst geworden, was beinahe geschehen wäre, gab sie sich erneut abwehrend. -
Jan hatte ihren Widerstand schon fast wieder gebrochen, sie lag in seinen Armen, als es an der Tür schellte. »Verflucht«, rief Jan. Susanne zuckte mit den Schultern, grinste schief, sagte: »Es war wohl keine gute Idee von mir, hier zu bleiben«, und ging zur Tür.
Sie kam mit einem Jüngling zurück, der so aussah, als habe er sich im Treppenhaus gerade noch den letzten Pickel ausgedrückt. Er lachte Jan an, der ihm dieses Lachen am liebsten aus dem Gesicht geschlagen hätte. »Schönen guten Tag auch«, sagte der Jüngling zu ihm, »dachte mir, dass du hier bei ihr bist.«
Seit wann kennen wir uns, seit wann duzen wir uns? wollte Jan fragen. Was war das für ein unverschämter Mensch? Aber er hielt den Mund. Wegen Susanne. Das Früchtchen schien gar nicht zu bemerken, dass es erheblich störte, und sagte weiter: »Ich habe den Auftrag, euch beide einzupacken. Es gibt eine Fete.«
»Eine Fete?«, fragte Susanne ungläubig. »Aber... ich habe doch nicht...«
»Gar nichts hast du, das stimmt, nämlich gar nichts zu sagen. Es ist alles vorbereitet. Und dein Freund darf auch mitkommen.«
Sehr großzügig, dachte Jan grimmig. Susannes Wurmfortsatz könnt ihr auch noch ertragen, was? Stellt ihn in die Besenkammer, wenn er zu stinken oder zu stänkern anfängt. Nein, da würde er nicht mit hinfahren! Schöne Freunde hatte Susanne! Er war nicht mehr scharf darauf, den ganzen Haufen zu sehen.
Susanne sah wohl die Ablehnung in Jans Augen, denn sie sagte schnell, bevor er noch etwas erwidern konnte: »Das ist ja toll. Jan kommt natürlich gern mit. Was für eine Überraschung.«
Ja, was für eine Überraschung! Jan quälte sich aus dem Sofa hoch und starrte Susannes noch immer recht steile Brustwarzen an. Ihr Lächeln indes war wie ein Magnet. Gemeinsam verließen sie die Wohnung. Auf der Treppe ging Jan hinter Susanne her und schaute erregt auf ihren wiegenden Po. Sie würde nicht daran vorbeikommen. Heute nacht, wenn dieses widerwärtige Fest vorüber sein würde... -
Die Feier fand bei einem alten Schulfreund Susannes statt, der ein großes Haus im recht ländlichen Norden der Stadt besaß. Er war Vermögensberater, wie Susanne im Wagen sagte, und Jan hatte den Eindruck, dass dieser Beruf ihr imponierte. Er musste unbedingt dafür sorgen, dass sie ihre Freunde vergaß; sie übten einen gefährlichen Einfluss aus.
Der Wagen hielt vor einer beleuchteten Einfahrt, die eher wie die Auffahrt zu einem Schloss aussah. Jan fand es ekelhaft protzig. Sie stiegen aus, und bevor sie noch an der wie vergoldet wirkenden Klingel des erkerbewehrten Anwesens klingeln konnten, öffnete auch schon ein Beau, nahm Susanne in die Arme und drückte ihr einen dicken Kuss auf die Wange. Susanne lächelte ihn an und stellte ihn Jan vor: »Das ist Bernd Winter, von dem ich dir vorhin schon erzählt habe.«
»Hoffentlich nur Gutes«, quetschte sich Winter dazwischen und zeigte seine strahlend weißen Zähne. Wie in einem schlechten Zahnpasta-Werbefilm, dachte Jan. Er starrte auf den in einem eleganten Zweireiher steckenden Mann, der sich mit der beringten Hand über die blonde Tolle strich und sie am ausladenden Schädel andrückte. Es wirkte unendlich affektiert. Und - lag da nicht Verachtung in seinem Blick, als dieser Jan streifte? »Kommt doch herein, es sind schon fast alle da«, sagte Winter. »Nur deine Freundin Kirsten fehlt noch, aber ich hoffe, dass sie uns die Freude und Ehre ihrer Zugegenheit noch im Laufe des Abends machen wird. Tretet ein in meine bescheidene Hütte.«
Aufgeblasen wie ein fetter Teichfrosch, frozzelte Jan für sich. Der Tag hatte so verheißungsvoll begonnen, die Fortsetzung allerdings schien ekelhaft zu werden. Nun konnte er nur noch auf die Nacht hoffen, die Nacht mit Susanne.
Da saßen oder standen sie. Jan kam es vor, als geiferten sie ihm entgegen, neugierig, wer denn Susannes Verlobter sei. Und sie grinsten ihn an. Susanne stellte ihn ihren Freunden vor. Da waren Carsten, der geziert den kleinen Finger von seinem Longdrinkglas fortspreizte und eine lächerlich hohe Stimme hatte, Rainer, dessen Muskeln sein dünnes Hemd zu sprengen drohten und der Jan die Hand beim Gruß fast zerquetschte, Eva, die ihn an einen Hamster erinnerte; sie war klein, ein wenig pummelig und schaute Jan nicht in die Augen. Jürgen glich eher einer Spitzmaus, auch er war klein, hielt sich leicht vornüber gebeugt, so dass der Eindruck entstand, er sei ständig auf der Flucht nach vorn, er hatte eine spitze, vorwitzige Nase, ein spitzes Kinn und eine kleine, kantige Brille. Doch seine braunen Augen schauten ehrlich drein. Vielleicht eine verwandte Seele, dachte Jan. Roger war das genaue Gegenteil. Er war groß, hell, mit blauen Augen und einem scharfgeschnittenen Gesicht, das doch seltsam ausdruckslos wirkte. Und Petra, die Jan nur kurz die Hand reichte, denn sie konnte sich von Rogers Anblick nicht losreißen; sie hätte besser zu dem spitzmausigen Jürgen gepasst. Da waren noch drei andere Pärchen, deren Namen Jan sofort vergaß, nachdem er ihnen vorgestellt worden war; sie wirkten wie aus einem Lifestyle-Magazin und waren genauso zweidimensional. Mit einem Wort: das Haus war voll.
Winter, den Susanne als einzigen für würdig gehalten hatte, seinen Nachnamen Jan zu überliefern, drückte Jan einen Longdrink in die Hand. Er schaute skeptisch auf die dunkelrote Flüssigkeit, in der kleine Eisberge schwammen und das Trinken unmöglich zu machen schienen. »Es gibt nichts Besseres als einen Singapore Sling«, sagte Winter herablassend weltmännisch. Jan nippte vorsichtig. Es schmeckte gut, süß, leicht nach Kirschen, doch auch angenehm säuerlich. Er nippte noch einmal und schaute sich um. Er war allein inmitten der schwatzenden Gäste, die ihn alle schon vergessen zu haben schienen. Auch Susanne war plötzlich nirgendwo mehr zu sehen. Jan stand an der Brandung eines tosenden Wortmeeres, doch was ihn da anrollte, war mehr Schaum denn Wasser.
Gab es hier nichts zu essen? Jan war nicht hungrig; das vorzügliche Mittagessen bei Susanne hielt noch vor, doch er suchte verzweifelt eine Beschäftigung. Vielleicht könnte er sich mit ein paar Appetithappen angeregter unterhalten. Leider fand er nur eine Platte mit lieblos daraufgeworfenen Schnittchen in der teuren Küche, die wie der Kommandostand einer Raumkapsel aussah. In einem solchen Schmuckstück kocht man halt nicht. Jan konnte sich nicht erinnern, Winters Frau vorgestellt worden zu sein; so war er wohl Single. Das sah ihm ähnlich. Es bedeutete aber auch, dass Jan auf Susanne acht geben musste. Wenn er ihre Freunde betrachtete, fragte er sich, wieso sie gerade Jan genommen hatte. Was fand sie so anziehend an diesen Hohlköpfen? Jan nahm eines der labberigen Schnittchen, kostete, es schmeckte nach Pappe, und spülte mit dem Longdrink nach.
Da gesellte sich der Blonde - Roger?, ja, das war sein Name - zu ihm. »Und was machst du so?«
Hatte Susanne ihm das etwa noch nicht erzählt, oder wollte er Jan nur reizen? »Ich bin Schriftsteller.«
Roger zog die rechte Augenbraue hoch. Das hat er bestimmt lange vor dem Spiegel geübt, dachte Jan. »Faszinierend«, sagte Roger. Aus dem Tonfall war nicht herauszuhören, ob er sich über Jan lustig machte. »Und was hast du schon veröffentlicht? Ich würde gern mal was von dir lesen. Man lernt ja nicht alle Tage einen Schriftsteller kennen.«
Jan griff an: »Ich habe bisher einen Roman geschrieben, der im Y-Verlag im Gespräch ist, und auf meinen neuen Roman, einen Hexenroman, hat ein anderer Verlag schon eine Option.« Er kam sich schäbig vor, doch diesem Individuum gegenüber wollte er sich nicht bloßstellen. Wenn ihm aber Susanne bereits die volle Wahrheit erzählt hatte...?
Roger lächelte. War es sein Wissen um diese Lüge? »Sehr gut, kann ich da nur sagen. Dann musst du ziemlich gut sein, denn ich weiß, dass es sehr schwer ist, verlegt zu werden. Ich bin bestimmt einer der ersten, die dein Buch lesen werden. Und nun lass es dir gut gehen. Susanne tut es auch.« Damit wandte er sich ab und tänzelte aus der Küche.
Wo war Susanne überhaupt? Mit wem schäkerte sie herum? Jan stopfte sich den letzten Bissen des Brotes in den Mund, trank seinen Drink in einem Zug leer und setzte das Glas hart neben dem Buffet ab. Das Stimmengewirr aus dem großen Wohnzimmer, das in einen weiteren, wintergartenartig verglasten Aufenthaltsraum überging, klang wie das Murmeln von Zauberern, die den Teufel der Geselligkeit zu beschwören versuchten. Als Jan sich in Gang setzte, spürte er die Wirkung des Alkohols. Die Küche begann zu schwanken. Doch er spürte auch eine große Kraft in sich, eine Kraft, die es ihm erlaubte, mit allen dort drinnen fertig zu werden. Vor allem mit Susanne. Hoffentlich waren sie bald wieder allein... Wärme strömte in seinen Lenden zusammen und schenkte ihm eine schmerzhaft pochende Erektion. Er wartete ein wenig, bis seine Erregung abgeschwollen war, und kehrte zu den Gästen zurück. Er bewegte sich unter ihnen wie unter Hohlformen, in denen ein Tonband und ein Lautsprecher versteckt waren, um den Eindruck von Leben vorzutäuschen.
Dort hinten stand Susanne. Sie strahlte Winter an. Warum tut sie das? Muss sie zur Räson bringen. Szene machen? Warten. Der verdammte Alkohol.
Da schellte es. Winter und Susanne gingen gemeinsam hinaus, wie ein Liebespaar. Wenn der den Arm um sie gelegt hätte, wäre ihm das schlecht bekommen! Mit ausgeschlagenen Zähnen lässt sich nicht mehr so werbewirksam lächeln! Jan vergrub sich in den Menschen, es interessierte ihn nicht, wer nun gekommen sein mochte. Tatsächlich redete ihn die Spitzmaus an. Sie sagte: »Ich hoffe, es ist dir hier nicht zu langweilig. Eigentlich sollte sich Bernd mehr um dich kümmern, er hat ja schließlich auf deine Anwesenheit so viel Wert gelegt.«
Jan wollte schon eine scharfe Entgegnung abfeuern, denn schließlich war er aus eigenem Willen hier und nicht, weil ihn ein Möchtegernbeau herzitiert hatte, doch die sanften braunen Augen der Spitzmaus regten ihn ab. Er blieb stumm; es schien ihm der beste Kompromiss zwischen einem Streit und lügnerischer Unterwürfigkeit. Die Spitzmaus fuhr fort:
»Schöne Idee, Susanne zu ihrer Feier zu entführen, nicht wahr. Bernd hat immer gute Ideen. Du solltest ihn näher kennen lernen. Wir sind alle mächtig stolz auf ihn; er ist derjenige von uns, der es am weitesten gebracht hat. Ich bin nur ein kleiner Angestellter im Büro einer Spielwarenfabrik.« Gleich wurde er Jan noch sympathischer. Kein Angeber, sondern ein ganz normaler Mensch. Vielleicht war das der Grund, warum er nach einem Gesprächspartner suchte. Wirklich schöne und wertvolle Menschen haben ein instinktives Gespür für Versager, auf die sie am liebsten herunterspucken würden, wenn sie nicht meist leider von kleinerer Statur als diese wären.
»Das ist doch nichts Ehrenrühriges«, sagte Jan. »Nein, ich finde, dass Spielzeug eine weitaus wichtigere Funktion als...« Er stockte. Während er etwas Nettes sagen wollte, hatte er seine Blicke durch den Raum geschickt, ob er nicht irgendwo Susanne sehen konnte. Doch statt ihrer, die sich mit Bernd verzogen zu haben schien, sah er jemanden, den er gut kannte und den er nicht auf dieser Party erwartet hätte.
Die Dame in Schwarz.
War sie der Neuankömmling gewesen?
Sie stand mit dem Rücken zu ihm. Nun ein schwarzes, dem Anlass angemessenes, elegantes Kleid. Doch zum ersten Mal trug sie keinen Hut. Ihr schwarzes, leicht gewelltes Haar umspielte ihre Schultern und wirkte wie eine Verlängerung des Kleides, wie eine Haube, unter der sie sich versteckte, eine Vortäuschung lebendiger Materie. Die Figur, die Größe, die weißen, schlanken Hände - in der Rechten hielt auch sie einen Singapore Sling -, die unirdische Anmut; sie musste es sein.
»Einen Augenblick, bitte«, entschuldigte sich Jan bei der Spitzmaus, »ich bin gleich wieder da. Ich möchte nur jemanden begrüßen.« Er näherte sich der Schwarzen, schwankend zwischen Zweifel und Gewissheit. Nun konnte sie ihm nicht mehr entkommen.
Sonntag, 11. November
as ist bloß geschehen? Das Ende ist da. Ich begreife es nicht. Wir sind nur Puppen in einem grausamen Spiel. Jahrelang habe ich in Ruhe gelebt, bis ich plötzlich hin- und hergeschoben wurde. Die Schwarze Frau - ist sie die Spielerin? Auf die Vorgeschichte der Feier möchte ich nicht mehr eingehen. Es genügt festzuhalten, dass Susannes Geburtstagsfeier als Überraschung bei einem ihrer sauberen Freunde stattfand - und ich mich nicht dagegen wehren konnte, daran teilzunehmen. Und dort traf ich sie: die Schwarze Frau. Ich weiß nicht, woher sie gekommen war. Sie stand unvermittelt einfach da, hielt mir den Rücken zugewandt, so dass ich ihr Gesicht nicht erkennen konnte. Ich ging auf sie zu; sie schien es nicht zu bemerken. Und je näher ich ihr kam, desto unsicherer wurde ich. Sie trug nicht ihren Hut, und so vermochte ich ihr langes, schwarzes Haar zu sehen. Und dies gab mir Zweifel ein. Nie zuvor hatte ich ihr Haar gesehen. Ihre Gestalt hingegen war mir teuflisch gut bekannt. Ich bekam es mit der Angst zu tun, denn ich erinnerte mich daran, dass sie immer dann aufgetaucht war, wenn sich mein Leben zu ändern begann, ja, sie war es gewesen, die mich zu diesen Änderungen geführt hatte. Aber: warum sollte ich sie fürchten? Durch sie hatte sich schließlich Susanne kennen gelernt. Jetzt stand ich unmittelbar hinter ihr. Ich roch ihr Parfum. Es war leicht wie ein Windhauch, sommerlich, angenehm. Ich hatte schon befürchtet, ich röche Schwefelduft. Ich sprach sie an: »Verzeihen Sie, aber ich glaube, wir kennen uns.«
Sie bewegte sich. Ich hatte geglaubt, sie würde sich zu mir umdrehen, doch ich irrte mich. Sie glitt wie ein Luftzug zur Seite - und ich stand Aug in Auge mit jener Frau, die damals zusammen mit Susanne aus dem Kino gekommen war. Es war die Schwarzhaarige mit den feurigen Augen. Und diese Augen brannten sich nun in mich. Als hätten sie mich verhext, konnte ich den Blick nicht mehr von ihnen wenden. Ich wollte doch sehen, wohin die Dame in Schwarz gegangen war! Der Blick fuhr mir durch Mark und Bein. Sie war keine Schönheit, doch es war etwas an ihr, das mich in Feuer setzte. Ihre Augen hatten in diesem Augenblick einen Ausdruck, der verführerischer war als alles, was ich bisher gesehen hatte. Sie schienen zu lachen und mich zu fesseln. Es waren keine dunklen Seen, wie es die Dichter wollen, die nie wissen, wovon sie reden, es waren Fangarme. »Ich heiße Kirsten. Bist du Jan? Du bist aber süß. Susanne hat mir schon viel von dir erzählt, und jetzt verstehe ich, warum sie mich von dir so eifersüchtig ferngehalten hat.«
Ich fürchte, ich errötete. Kirstens Mund, klein, rot geschminkt, verzog sich zu einem Lachen, das so unendlich anders war als jenes von Susanne. Leiser Spott mischte sich in das Spiel ihres Ausdrucks, und für einen winzigen Augenblick huschte ihre Zunge über die Lippen. Die Flügel ihrer kleinen Nase bebten. Alles an ihr wollte mich verschlingen. Aus dem kurzgeschnittenen, glatten Haar fielen ihr einige Strähnchen in die Stirn. Es verwirrte mich. Sie trug einen engen Pullover, der sich um ihre Formen schmiegte, und einen kurzen Rock, der ihre langen Beine betonte. Auch sie hielt einen Longdrink in der Hand. Ihre Augen luden mich ein. »Ich freue mich für Susi«, sagte sie. Susi! Es klang so - verkindlichend. Es ernüchterte mich ein wenig, und es gelang mir, meinen Blick von ihr abzuwenden und nach der Schwarzen Ausschau zu halten. Sie war verschwunden. Wie hätte es auch anders sein sollen?
»Wer war die Dame, mit der Sie sich gerade unterhalten haben?«, fragte ich.
»Dame? Keine Ahnung, ob sie eine Dame ist. Ich weiß es nicht, aber ich vermute, dass sie eine Freundin unseres allseits ach so geliebten Frauenhelden Bernd ist. Und sag bitte nicht 'Sie' zu mir, klar?«
Ich nickte kurz. Sie wurde mir sympathischer. Jemand, dem dieser Bernd Winter, unser vollendeter Gastgeber, lächerlich vorkam, besaß meine Zuneigung.
Susanne kam heran. Sie hatte sich bisher überhaupt nicht um mich gekümmert, doch nun, als sie mich mit einer anderen Frau sprechen sah, schien sie sich meiner zu erinnern. »Amüsierst du dich gut?«, fragte sie. Ich hörte einen scharfen Unterton.
»Aber natürlich«, antwortete ich. Sie warf einen giftigen Blick in Kirstens Richtung. Ihre Freundin sagte darauf: »Keine Angst, Susilein, ich werd ihn schon nicht vernaschen. Ich geb ihn unbeschädigt zurück, darauf kannst du dich verlassen.« Sie schaute mich an, als denke sie nicht im Traum daran, ihr Versprechen zu halten. Mich durchrieselten warme und kalte Schauer. Ich bekam Angst vor diesem Abend, der plötzlich so unerträglich aufregend zu werden versprach. Auch mich bedachte Susanne nun mit einem unmissverständlichen Blick. Er machte mir Spaß. Ich empfand meine Unterhaltung mit Kirsten nun als kleine Rache für meine Vernachlässigung. Also wandte ich mich ihr wieder zu.
Susanne wurde von dem schönen Carsten mit Beschlag belegt, und Kirsten sagte: »Komm, lass uns ein wenig abseits gehen. Bei dem Krach hier kann man sich ja nicht richtig unterhalten.« Jemand hatte die Stereo-Anlage aufgedreht, und wummernde Bässe klopften in den überdimensionierten, auf dem Boden stehenden Boxen. Wir verzogen uns zum äußersten Ende der Gesellschaft. Kirsten sprach über Susanne, über die Versammelten, an denen sie kaum ein gutes Haar ließ, und bald waren wir in anregenden Gesprächen vertieft. Ich wunderte mich, dass sie sich recht kunstbeflissen zeigte; sie bewies einen wachen Verstand und ein sicheres Urteil. Ich wehrte mich dagegen, doch sie gefiel mir immer mehr. Und dann geschah es.
Kirsten erklärte gerade etwas mit ausholender Bewegung - ich weiß nicht mehr, was es war -, als das Glas in ihrer Rechten überschwappte und sich beinahe sein ganzer Inhalt über meine Hose ergoss.
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