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Michael Knoke:
Ein unheimlicher Roman
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ch strecke meine Hände nach meinem Abbild aus, doch es
weicht vor mir zurück, und wieder befi nde ich mich am Anfang
des Tunnels, an dessen Ende ich mein eigenes schlafendes
Abbild erblicke. Die Schatten jenseits des Lichtes sind gewachsen.
Mit ausgestreckten Spinnenfingern versuchen sie nach mir
zu greifen. Das Todesheulen geht eine furchtbare Vereinigung
mit dem Wispern von abertausend Stimmen ein…)
… und wir stehen vor dem Eingang zu einem Restaurant mit Bar.
Dämmerige Laternen vor der Tür werfen lange Schatten. Musik
dringt nach draußen. Ohne ein Wort zu wechseln, steigen wir
die steinernen Stufen zum Eingang empor. Die Tür öffnet sich
wie von Geisterhand vor uns, und wir treten ein. Ein großer Saal
mit Einzeltischen und Sitzgruppen erwartet uns. In den düsteren
Ecken ragen aus geplatzten Keramiktöpfen tropische Pfl anzen
mit vertrockneten Blättern auf. Ein seltsamer Geruch liegt in der
Luft. An manchen Tischen sitzen starre, glotzäugige Gestalten
mit blasser Haut. Erst bei näherem Hinsehen erkenne ich, daß es
sich um Schaufensterpuppen in Abendkleidung handelt. Vor sich
haben sie volle Gläser stehen. Mit traumhafter Egalität nehme
ich diese absurden Details zur Kenntnis. Hinter der Bar steht
ein hohlwangiger, dünner Mann mittleren Alters, der mit einem
Smoking bekleidet ist und gerade einen Drink mixt. Er nickt uns
zu. Ein Teil seines Gesichtes liegt in den Schatten verborgen,
doch ich kann deutlich erkennen, daß er uns mit stechenden Blicken
mustert. Eine scheinbar trunkene Frau wiegt sich langsam
über ein schachbrettartiges Tanzparkett. Dahinter ist eine Bühne
zu erkennen, auf der eine Kapelle Musik von Glenn Miller spielt.
Die Musiker wirken auf abstruse Weise befremdlich.
Sie tragen dunkle Abendanzüge. Ihre Bewegungen sind steif
und abgehakt. Die Oberfl äche ihrer Haut wirkt wie gelackt. Licht
glänzt auf den Gesichtern und den Händen. Die Augen sind wie
aus Glas. Fast habe ich den Eindruck, daß es sich auch bei der
Kapelle nur um Puppen handelt. Sie spielen das momentane
Musikstück auf schmerzhafte Weise falsch, so als beherrschten
sie ihre Instrumente nicht richtig. Das scheint jedoch niemanden
zu stören, weder den unheimlichen Barkeeper noch die betrunkene
Frau auf der Tanzfl äche. Andere lebende Personen sind
nicht in diesem Raum. Mir wird das Surreale unserer Situation
bewußt. Eine Kapelle aus Puppen kann nicht spielen. Weder
gut noch schlecht. Und doch geschieht genau das vor meinen
Augen. Alles ist irgendwie verkehrt. Und doch in gewissem
Sinne auch real. Wir suchen uns einen Tisch und setzen uns.
Ich schaue mich verwirrt um. Die Tapete an den Wänden ist
mit arabeskenhaften Mustern verziert. Auf einmal beendet
die Kapelle das Stück und erstarrt in ihren Bewegungen. Die
betrunkene Frau scheint davon keine Kenntnis zu nehmen. Sie
wiegt sich weiter über die Tanzfl äche. Durch einen gewölbten
Eingang betritt der Kellner den Raum, bleibt stehen, blickt in
die Runde. Dann huscht ein Lächeln über sein Gesicht, und er
steuert unseren Tisch an. Er trägt ein bordeauxrotes Samtjackett
mit dazu passender Hose und ein makellos weißes Hemd mit
schwarzer Fliege. An unserem Tisch bleibt er mit gezücktem
Schreiber und Block stehen. Er verbeugt sich und begrüßt uns
höfl ich. Dann erkundigt er sich nach unseren Wünschen und
fügt auch hinzu, daß er uns sogleich die Speisekarte bringen
wird, wobei er die Auswahl dieses Hauses über alle Maßen lobt.
Er empfi ehlt uns einen Rotwein, den er als spezielle Hausmarke
bezeichnet. Nach kurzer Beratung entscheiden wir uns für den
Wein. Der Mann in dem grauen Anzug erinnert ihn freundlich
an die Speisekarte, woraufhin sich der Ober verbeugt und dann
eiligen Schrittes durch den gewölbten Eingang in den hinteren
Bereich des Restaurants tritt. Nur wenige Minuten später
kommt er mit einem silbernen Tablett zurück, auf dem mehrere
hochstielige Gläser und eine Flasche Rotwein stehen. Unter den
Arm geklemmt trägt er in Leder gebundene Speisekarten, die er
zunächst beiseite legt. Geschickt öffnet er die Flasche und gießt
uns allen ein. Nachdem jeder von uns etwas zu Trinken hat,
überreicht er jedem von uns eine Speisekarte. Ich nehme meine
Karte dankend entgegen und schlage sie auf. Doch was sehe
ich da. Sie ist leer. Auf den Seiten steht nichts geschrieben. Nur
leere, weiße Blätter. Niemand von den anderen äußert sich zu
dem seltsamen Umstand. Besteht etwa nur meine Speisekarte
aus leeren Blättern? Die anderen deuten hierhin und dorthin,
diskutieren dieses und jenes Gericht. Ich werfe einen Blick
hinüber zu den anderen Speisekarten. Doch auch in ihnen steht
kein einziges geschriebenes Wort. Zu meiner eigenen Überraschung
äußere ich mich auch nicht dazu. Stattdessen frage
ich den Ober, welches Gericht er uns den empfehlen könnte.
Die anderen Personen an unserem Tisch schauen neugierig auf.
»Nun«, sagt er gedehnt, »ich würde ihnen die Spezialität unseres
Hauses empfehlen.« Dann erklärt er uns worum es sich handelt,
doch seltsamerweise vergesse ich bereits im selben Moment,
was der Ober gesagt hat. Trotzdem entscheide ich mich genau
wie die anderen für eben jenes Gericht.
Der Kellner macht sich Notizen, sammelt die Speisekarten
ein und verläßt unseren Tisch. Die Kapelle spielt einen schrägen
Tusch. Die Frau auf der Tanzfl äche sinkt langsam zu Boden,
während der Ober an ihr vorübergeht, ohne sie zur Kenntnis zu
nehmen. Aus ihrem geöffneten Mund dringt ein klagender Laut,
der mir einen Frostschauer über den Rücken treibt. Trotz allem
mache ich keine Anstalten, ihr zu Hilfe zu kommen. Irgendwie
glaube ich nicht daran, was ich sehe und erlebe. Es ist zu absurd.
Es kann nur ein Traum sein. Folglich sitze ich in Wirklichkeit
gar nicht hier. Mit diesen Leuten, die eigentlich überhaupt nicht
existieren. Demnach gibt es auch die betrunkene Frau nicht, die
rücklings mit geschlossenen Augen auf der Tanzfl äche liegt.
Oder ist das ein fataler Denkfehler?
An den Wänden tanzen Schatten, obwohl sich im Raum außer
den Puppenmusikern niemand bewegt. Ein kalter Hauch weht
mir entgegen, läßt mich unwillkürlich erzittern…
(… und ein Schwall von Geisterstimmen spült über mich hinweg.
Schattenhände betasten mich von allen Seiten, und der
Schrei bleibt mir in der Kehle stecken.
Um mich herum, hinter dunstigen Schleiern aus Licht, sehe
ich verzerrte Gesichter, geöffnete Münder, aus denen wurmartige
Zungen über vorgewölbte Lippen dringen.
Das Schlimmste sind die Augen, die grauenerregenden
Augen, die von einem rotblauen Adernetzwerk durchzogen
sind.
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