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Eine Leseprobe aus der Anthologie
Zwielicht

"Das weiße Gesicht"
von Markus Saxer

(Exzerpt)


»as Bankett kam jetzt so richtig in Schwung. Der typische Geruch von Joints verbreitete sich rasch in der Luft und lange faszinierende Streifen von Madam Blanc verschwanden durch die hektischen Bewegungen von gierigen Nasen, die sie einatmeten, als wären sie ultramoderne, mächtige Staubsauger.
Vergnügungssüchtige. Perverse, die begierig darauf warteten, sich in die Hölle zu stürzen.
Sie sprangen Rücken gegen Rücken wie Wahnsinnige und folgten dem Rhythmus einer alten Nummer von Ozzy Osborne. Ihre Köpfe schienen aus den Schultern herausspringen zu wollen. Die Noten von Mr. Crowley durchschnitten die Luft, als wären sie Weltraumraketen, die gegen die Wände prallten und das ganze Gebäude erzittern ließen.
Die Vorhänge peitschten gegen die Fenster, die Möbel vibrierten und der Lärm aus den Lautsprecherboxen schien die Wände eindrücken zu wollen.
Sigi hörte Glas splittern. Der Boden bewegte sich unter seinen Füßen. Mein Gott, das Haus stürzt ein … Überall hörte er Gelächter, dünn und wahnwitzig in einer kleinen, irren Melodie, das selbst Mr. Crowley übertönte. Er schloss die Augen, biss sich auf die Lippen und ergab sich dem Schwindel des Sturzes, als der Raum unter ihm wegsackte, sich wieder aufrichtete und sich dann langsam schaukelnd drehte.
Schließlich war die Hölle vorbei.
Plötzlich ertönte eine Stimme, die nicht die von Ozzy war. Die Musik erstarb. Die tanzenden Gäste fielen völlig ermattet auf den Boden. Sigi öffnete wieder die Augen und beobachtete sie verstört. Ein unmenschlicher Haufen am Boden liegender Körper. Derjenige, der seine Stimmbänder so stark hatte vibrieren lassen, war Bischof Kraus. Sigi konnte seine Stimme unter Tausenden wiedererkennen. Er hatte schon mehrmals seinen schwafelnden Sermonen zugehört. Einen solchen Ton konnte man nicht vergessen.
Der Tanz war eröffnet worden.
Beim Anblick eines lesbischen Paares fuhr Sigi hoch. Zärtliche Küsse zwischen Puppen exquisiter Feinfühligkeit, als wären sie Tonfiguren, die sich belebten. Als er seine Augen schloss, sah er nur tiefste Schwärze. Sein Blick verlor sich in der Hölle seiner Ängste, in der Finsternis des Zangengriffs seiner Augenlider. Nach ein paar Minuten musste er seine Augen wieder öffnen: Die Schreie waren schon genug, um sich die Szenen vorstellen zu können. Die Szene, auf die sein Blick fiel, verstörte ihn noch mehr: Die widernatürliche Umarmung von Bischof Kraus und dem Politiker Krieger, beide nackt, war für ihn wie der finale Schlag. Diesmal konnte er sich der Realität nicht mehr entziehen. Er wollte wissen, wie tief die menschliche Heuchelei noch sinken konnte.
Jeder schlief mit jedem. Eine erbärmliche widerwärtige Orgie, die nicht mehr real war, eigentlich jenseits von menschenwürdigem Verhalten.
Vielleicht aber gerade deshalb so perfekt, Sigi? Die Lüsternheit verschmolz sich mit den Gästen in einer unheilvollen Umarmung. Sigi widerstand jeder Versuchung. Er wusste jedoch nicht, wie lange noch.
Und plötzlich, wie auf ein unhörbares Kommando, herrschte Stille im Raum. Alle schienen wie erstarrt. Manche lagen einfach nur auf dem Rücken. Andere ähnelten jenen faszinierenden Skulpturen auf etruskischen Sarkophagen, stellten ihre Vorbilder aus Stein jedoch weit in den Schatten.
Speisen wurden auf den Boden gelegt und schwarze Wachskerzen angezündet. Sadie erschien wieder aus dem Nichts auf dem Baldachinbett wie ein schändlicher Spuk. Sigi weigerte sich zu essen. Er mochte das Brot der Schande nicht genießen. Er fuhr sich nervös durch die Haare. Alle Blicke waren jetzt auf ihn gerichtet. Er fühlte, dass er kurz davor war, eine leichte Beute zu werden. Sein Blick glitt über die Masse, während er versuchte zu verstehen, woher die Gefahr kommen konnte. Doch was er sah, desillusionierte ihn noch mehr: Anwesend war auch Frau Schindler, seine Lieblingslehrerin für Deutsch im Gymnasium. Fünfzig Jahre, die sie hinter einer Maske aus Moral und einem Körper, der einer Dreißigjährigen würdig war, verborgen gehalten hatte. Ihre langen entblößten Beine waren ein Beweis dafür.
Sie hob den Kelch zur Begrüßung. Als Einladung. Leck mich am Arsch, du alte Schlampe. Sie taxierte ihn mit Begierde. Ein Lächeln. Gierige Blicke. Ihre Beine öffneten sich. Das schwarze Dreieck erschien vor Sigis Augen. Er versuchte sogleich, seinen Blick auf die andere Seite des Saals zu konzentrieren. Automatisch fasste er nach einem der Gläser mit Whiskey, die auf den Tisch zu seinen Füßen gestellt worden waren. Jetzt brauchte er es doch. Wenn ich wegen des Alkohols umfalle, wird mir nichts passieren … Lieber ein bisschen mehr Alkohol als das sündige Fleisch.
»Warum nicht ein wenig XTC, Sigi Prediger? Es ginge schneller als du dir vorstellen könntest, Liebling!«, ertönte eine bekannte weibliche Stimme wie aus dem Nichts.
Der beißende Duft von Sex beherrschte den Raum. Das Verderben offenbarte sich in jeder nur erdenklichen Form. Sieben leere Gläser thronten auf dem Tisch, Sigis Verstand blieb trotzdem immer noch klar. Das Lustgestöhne penetrierte sein Trommelfell und erreichte sein Gehirn zusammen mit dem allmählich aufzehrenden Schamgefühl.
»Im Gegensatz zu dir war dein Vater ein wahrer Mann, Sigi! Du hingegen bist nichts Anderes als ein Heuchler! Ein falscher Moralist! Lass mich sehen, was du da unter deiner Hose versteckst! «, sagte seine Ex-Lehrerin, die plötzlich direkt vor ihm stand.
»Lass meinen Vater aus dem Spiel! Du bist nicht einmal würdig, seinen Namen auszusprechen!«, schrie Sigi.
»Er war der beste Stecher hier«, sagte sie, während sie ihre Brustwarzen mit den Fingern reizte. »Du scheinst gar nichts von ihm zu haben, kleine Schwuchtel!«
Sigi sprang auf. Er hatte genug. Er schluckte bunte Pillen, die in einer Schüssel waren, und rannte Richtung der Treppen, die zum zweiten Stock des Hauses führten. Er rannte wie von Furien gehetzt nach oben.



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