Michael Siefener:
Der Teufelspakt
Augsburg 2005
Eloy Edictions, 245 Seiten, 13,- Euro


Dieser Roman, der den hintergründigen Untertitel "Eine Liebesgeschichte" trägt, ist nicht mehr ganz taufrisch und lag einige Jahre lang in der Schublade des Autors, bevor der blutjunge Eloy-Verlag ihn als nunmehr erstes Buch herausbrachte.
Die Handlung ist rasch erzählt - und auch wieder nicht. Vordergründig geht es um einen völlig zurückgezogen lebenden Sonderling, Jan Droom, der in einem Antiquariat auf ein Buch über einen Hexenprozess stößt, das ihn in der Folge immer tiefer in seinen Bann zieht. Zeitgleich lernt er eine "Frau in Weiß" kennen, in die er sich hoffnungslos verliebt.
Das Geschehen im Buch scheint sich in der Gegenwart des Erzählers zu wiederholen, satanistische Umtriebe und etliche Serienmorde einer "Bestie" verunsichern bald die Stadt. Ab etwa der Hälfte des Romans gleitet der Roman sodann in eine Art kafkaeskes Drama - der Protagonist, aber auch der Leser vermögen immer weniger Realität von Wunsch- und Alpträumen zu unterscheiden...
Nicht nur in seinem zweigeteilten Hauptaufbau, auch von seiner Erzählstruktur ist der Roman interessant aufgezogen. Zum einen werden wir in jedem Kapitel mit den Tagebucheintragungen des Protagonisten konfrontiert, zum anderen werden die gleichen Handlungen dann in der dritten Person der erzählenden Handlung völlig divergent dargestellt. Die Lügengespinste der Tagebucheintragungen sind dabei teilweise bis ins Groteske gesteigert und daher per se unglaubwürdig. In den Tagesbucheintragungen begegnet uns jeder Jan Droom teilweise sogar als sympathischer Kerl, der mit seinen Nachbarn spricht und mit Hochdruck an seinem neuen Roman schreibt. Dies alles sind nichts als Lebenslügen, wie wir sogleich anschließend erfahren müssen.
Von Anfang an wird somit ein Bruch, eine Distanz zum Tagebuchschreiber aufgebaut, wenngleich auch diese sich teilweise auf die krankhafte, ausschließliche Subjektivität des Erzählers begeben. Zugleich verstärkt diese Erzählweise das Doppelbödige nicht nur dieses Buches, sondern auch den alltäglichen Zwiespalt, dem sich der Protagonist jeden Tag aufs Neue ausgesetzt sieht. Der allmähliche Realitätsverlust und der Selbstbetrug werden in jeder weiteren Tagebucheintragung umso deutlicher. Der doppelte Boden erweist sich als Falltür, der den Erzähler zu verschlingen droht.
Michael Siefeners Weltbild in diesem Roman ist ein zutiefst Defaitistisches: "Wir schauen nur noch zurück, weil das, was da vor uns liegt, alles andere as angenehm zu werden verspricht. Und das, was um uns herum liegt, sind bereits Trümmer.", stellt der Erzähler in seinem Tagebuch fest. Fenster werden als "Loch zur Welt" bezeichnet. Für ihn ist die Welt ein Chaos, das "Leben ein Gezweig aus unendlich vielen Realitäten:" Zudem hat dieser Jan Droom ein völlig überzogenes, pubertäres Frauenbild, das es ihm nicht gerade leichter macht, sich im Leben zurech zu finden. Seine schwärmerische, überhöhte Art der Liebe macht den Absturz unausweichlich.
Der Erzähler, Jan Droom, gibt ein gerade bejammernswertes Bild eines Schriftstellers ab. Allein sein Einkaufzettel ("Was braucht ein Schriftsteller? Eine Dose Bohnen, eine Dose Linseneintopf ...natürlich alles möglichst billig.") dauert einen. Michael Siefener zeichnet hier einen absolut vereinsamten Menschen, der nach dem Tode seiner Mutter mit keiner Menschenseele mehr ein privates Wort gesprochen hat. Man stelle sich vor: "Keine Familie, keine Kollegen, niemand, mit dem man einmal ein Wort wechseln könnte." Jan Droom ist von völliger Paranoia und Schizophrenie befallen. Jeder Einkauf ist für ihn eine neue Tortur. Er leidet unter Kontaktphobie, horcht an der Tür, ob jemand im Treppenhaus ist, bevor er zum Briefkasten hinab geht - spricht von "verseuchtem Gebiet", sobald er einen Mitbewohner hört. Und Siefener gelingt das Unglaubliche: Seine eindringliche Schilderung zieht einen derart unerbittlich hinab in seinen Sog, dass ich mich entsetzt fragte, wie viele Jan Drooms dort draußen hausen mögen? Jan Drooms Tagebuchnotizen zeigen das Bild eines zerrissenen Menschen. Seine Stimmung schwankt zwischen triefendem Selbstmitleid und Arroganz.
Auch ist sich Siefener nicht zu schade, die ein oder andere Slapstick-Einlage einzubauen , etwa als Jan Droom im Supermarkt vor lauter Menschenscheu seinen Einkaufswagen umkippt - doch das Grinsen gefriert einem zumeist gleich wieder im Mundwinkel. Dennoch - man hat einfach kein Mitleid mit diesem Jan Droom. Siefener schafft es brillant, diese permanente Distanz zu erhalten. Es gelingt ihm durch Schonungslosigkeit. Keine Nische dieses Charakters bleibt uns erspart.
Mehr noch als all das bisher Gesagte, konfrontiert uns der zweite Teil des Buches, frei nach Rimbauds Zitat "Ich bin ein anderer", mit noch mehr Widersprüchen, Logikbrüchen und Realitätseinbrüchen. Selbst, dort, wo sich der Protagonist des Irrwitzes seiner Situation bewusst wird, vermischen sich Realität und Vision. Ist er eigentlich noch der, der er zu Anfang war? Oder hat er mittlerweile eine ganz andere Identität angenommen? Das fragt sich nicht nur Jan Droom, sondern auch der Leser. Siefener setzt das Doppelgängermotiv hier schonungslos ein, hinterfragt es fortwährend und schafft somit eine Atmosphäre, in der man sich des Gelesenen nie sicher sein kann. Jan Droom selbst schlüpft in diese neue Identität, nimmt diese an, während seine bisherige immer mehr verblasst.
Viel, sehr viel vo sich selbst hat der Autor Michael Siefener wieder in seinen Protagonisten gesteckt. So lässt er diesen resümieren: " Er war in seinem Leben nie glücklicher gewesen als in der Zeit, zu der er den Roman niedergeschrieben hatte." Um doch im gleichen Moment wie ein hintergründiges Teufelchen eine Stimme in sich zu hören, die ihm zuraunt: "Dein Glück wird sich wandeln, vom Abstrakten zum Konkreten."
Auch die Erkenntnis Jan Drooms, ein historischer Roman aus seiner Feder werde sicherlich mehr Erfolg haben, "... machen wir uns über den Historismus des 19. Jahrhunderts lustig und befinden uns doch in der Epoche des 20. Jahrhunderts, der noch um einiges lächerlicher ist in seinem unsinnigen Bemühen, die Realität zu fliehen.", dürfte dem Autor sicherlich aus der Seele sprechen.
Die starke, bildhafte Sprache Michael Siefener zeichnet auch diesen Roman aus und verstärkt auf jeder Seite die Stimmung des Dunklen und fortwährend Bedrohlichem. So erkennt Jan Droom: "Er kreiste nur um sich selbst, doch er spürte mit grausamer Klarheit, dass er selbst leer war. Er war jeder einzelne der Planeten, die sich um eine ausgebrannte Sonne drehten. Und seine Bahnen waren fest und vorherbestimmt." Auch der Moloch Stadt - in diesem Falle Köln - wird wortgewaltig heraufbeschworen: "Es begann bereits zu dunklen; die Schatten schlichen aus den Gedärmen der Stadt herauf in die zitternde Oberwelt."

"Warum gab es keinen Ausweg aus seinem Leben, warum verlief alles in Kreisen? Wie viele Umrundungen hatte er schon hinter sich? Wie viele standen noch aus? Immer dieselben Wege, dieselben Anblicke, dieselbe Vergangenheit." Die Leiden des Jan Droom ziehen sich hin - fast zweihundertfünfzig Seiten lang. Es möge doch endlich Schluss sein, ist man versucht zu schreien, aber der Autor ist unerbittlich bis zum Ende. Die Lektüre des Buches mag quälend sein, manchmal möchte man das Buch fluchend beiseite legen, aber eines bleibt: DER TEUFELSPAKT ist ein Roman, den man so schnell nicht vergisst.
Die Welt, in der Jan Droom lebt, möchten wir nicht mit ihm teilen. Sie ist zutiefst krank, hoffnungslos und über alle Maßen desillusionistisch. Leider, so müssen wir nach Beendigung des Buches feststellen, gibt es nur die eine.

Uwe Voehl

          (Erschienen in: Omen N. 3, Festa-Verlag)

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